Zombie Hype

1 Nov

Zugegeben, es hat lange gedauert, bis ich nun wieder einen Blogbeitrag geschrieben habe. Angesichts der Flüchtlingskrise bin ich verstummt: Ich schreibe keinen Blog über das politische Tagesgeschehen, aber Beiträge über – sagen wir mal – die Freude der Amerikanerinnen an pinkfarbenen Waffen schien mir im Angesicht dieser Umwälzungen zu nichtig. Jedes Thema schien mir zu nichtig. Aber vielleicht lohnt es sich ja nun, das Zombie-Thema etwas näher zu beleuchten, mit dem ich mich seit einiger Zeit etwas näher beschäftige. Zum einen hat vor 3 Wochen die 6. Staffel von „The Walking Dead“ auf Fox begonnen, zum anderen können wahrscheinlich viele nicht umhin, zumindest unterbewusst, angesichts der Bilder der auf unsere Grenzen zuströmenden Flüchtlingszüge, an die schwankenden Zombiehorden aus „The Walking Dead“ zu denken.

Der Zombie-Hype setzte aber nicht mit der Flüchtlingskrise ein. Kann er ja auch gar nicht, denn er kommt, wie so vieles aus der Populärkultur, aus den USA, zudem ist das Thema schon seit den Nullerjahren, spätestens mit dem Beginn der 10er-Jahre Mainstream geworden.  Es muss also andere Ursachen dafür geben, dass unser kollektives Unterbewusstsein im Zombie ein zeitgeschichtlich relevantes Phänomen sieht.

Bevor ich darauf eingehe, was der Zombie verkörpern kann, zunächst ein kleiner Vergleich mit einem anderen Horrorwesen, dem Vampir. Hinweise auf den Vampir kann man schon in ganz frühen Schriftzeugnissen der Menschheitsgeschichte finden (wenn man sie so lesen will), aber seine erste „Blüte“ erlebte der Vampir Ende des 19.Jh, im viktorianischen Zeitalter. Der blutsaugende Aristokrat verkörperte die Ängste des neu entstandenen Bürgertums vor der alten Aristokratie, aber er stand auch für den dunklen Bereich der Sexualität in jenem sittenstrengen Zeitalter. Eine Renaissance erlebte der Vampir dann zu Beginn der 90er Jahre (allerdings war er dazwischen nie ganz von der Bildfläche verschwunden) mit einer bedeutenden Neuverfilmung des Dracula-Stoffes und dem Aufkommen der Vampirchroniken von Anne Rice („Interview mit einem Vampir“) – interessanterweise, als Aids seinen medialen Höhepunkt erreichte. Zu Beginn der Nullerjahre – Aids war nun, auch durch die Möglichkeit, das Virus zwar nicht zu heilen, aber immerhin in seiner Destruktion zu stoppen, nicht mehr im medialen Fokus – lief sich das Thema dann tot, die „Biss zum …“ (….Abkotzen…würde ich sagen) – Reihe, eine Teenie-Vampir-Schmonzette, und eine Flut an romantisch-schwülstigen Vampirromanen, ich bezeichnete sie immer despektierlich als „Hausfrauen-Vampir-Sehnsüchte“, versetzten dem Genre bis auf unbestimmte Zeit den Todesstoß (den Pfahl ins Herz, um im Genre zu bleiben).

Der Zombie begann seinen zaghaften Siegeszug mit George A. Romeros „Night of the Living Dead“ 1968. Von einem Hype konnte damals gewiss noch nicht gesprochen werden, Romero nutzte das Zombie-Thema, das er in seiner 5 Filme umfassenden Reihe fortsetzte, als Gesellschaftskritik: Kritik an der Gesellschaftsordnung, Rassismus und gedankenlosem Konsum. Das gefiel dem Establishment in Deutschland wohl nicht ganz so gut, war der Zombie sogar im Titel einer ZDF-Reportage mit dem Titel „Mama, Papa, Zombie“ (1982), die diese „Schundfilme“ als schlecht für Heranwachsende anprangerte (auch andere Horror- und Splatterfilme, natürlich) und infolgedessen die Zensur solcher Filme massiv vorangetrieben wurde. Der §131 StGB (Gewaltdarstellungen am Menschen) wurde darüber in Deutschland eingeführt und ist weltweit einzigartig.

Der Hype um das Thema Zombie setzte dann zu Beginn der Nullerjahre ein: Max Brooks „Zombie Survival Guide“, ein im realistisch-dokumentarischen Stil gehaltener Ratgeber, wie man im Angesicht einer globalen Zombie-Apokalypse überleben könnte, wurde 2003 veröffentlicht, sein als dokumentarischer Bericht verfasster Roman „World War Z“ kam 2006 raus. Man könnte sagen, dass das Werk von Max Brooks denselben Standard für das Wissen um Zombies setzt, wie Bram Stokers Dracula (bzw. Anne Rice’ Vampirchroniken) für das Wissen um Vampire. Da sowohl Vampire als auch Zombies ins Reich der Fiktion gehören, man sich also nicht auf tatsächliche wissenschaftliche Forschung berufen kann, benötigt man literarische oder filmische Werke, die den Wissensstand um Eigenschaften und Wesen der Kreaturen festlegen.

Auch die zweite grundlegende Veröffentlichung zum Thema Zombie, die AMC-Serie „The Walking Dead“, die auf den Comics von Robert Kirkman basiert, nimmt sich die Ratschläge aus dem „Zombie Survival Guide“ zur Grundlage. Die Serie hat sich seit 2010 eine gigantische Fangemeinde erobert. Im Gegensatz zum Film, der auf mehr oder weniger 90 min. festgelegt ist, kann eine Serie über viele Stunden hinweg Charaktere aufbauen, sie sich entwickeln lassen, Gruppendynamiken darstellen. Gerade bei „The Walking Dead“ ist interessant, dass es im Laufe der Staffeln, als die Protagonisten den ersten Schock überwunden hatten und Professionalität im Leben in einer Zombiewelt und deren Bekämpfung erworben hatten, die Zombies eher in den Hintergrund treten und das Handeln der Menschen, mit- und gegeneinander, in den Vordergrund rückt. Der Horror der Serie liegt meiner Meinung nach nicht in den Zombies, sondern darin, was Menschen im Falle eines Zusammenbrechens der Zivilisation bereit sind, anderen Menschen anzutun. Die Lebenssituation der Protagonisten macht es möglich, grundlegende philosophische und religiöse Anschauungen, Moral und Gerechtigkeit zur Disposition zu stellen.

Das haben auch Wissenschaftler erkannt. Auch in Deutschland gibt es einige wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Zombies, aber diese lassen wohl keinen Vergleich zu den USA zu. Dort gab es schon einige Symposien zum Thema, nebst Publikation der Symposiumsbeiträge. Einer der wenigen (auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht alle Publikationen gelesen habe), der das Thema Schusswaffen näher aufgreift, ist Brian Anse Patrick in seiner Abhandlung „Zombology“  von 2013/14 (Selbstverständlich handelt auch Max Brooks, übrigens der Sohn des Filmemachers Mel Brooks, dieses Thema in seinem „Survival Guide“ ab – nicht schlecht, für einen New Yorker ;-)). Das ist nicht weiter verwunderlich, sind Kulturwissenschaftler tendenziell eher dem rot-grünen politischen Spektrum (in Amerika: Liberals, d.h. der linke Flügel der Demokraten) zuzuordnen und somit Waffengegner (oder zumindest nicht waffenaffin). Brian A. Patrick bildet da eine angenehme Ausnahme. Letztlich ist die Verbindung von Zombies und Schusswaffen nur folgerichtig. Wenn auch Schusswaffen nicht immer die erste Wahl bei der Bekämpfung von Zombies sind (Krach lockt weitere Zombies an, Munitionsverbrauch, Nachladen usw.), so kann man sie dennoch als überlebensnotwendig bezeichnen. Was das Produkt-Placement angeht, so geben sich bei „The Walking Dead“ alles, was in den USA als Waffenhersteller Rang und Namen hat, dort ein Stelldichein. Ja, man könnte die Serie regelrecht als Gun-porn bezeichnen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Serie bei Schützen und Waffenbesitzern sehr beliebt ist (soweit ich das anhand der mir bekannten Schützen und Waffenbesitzern beurteilen kann).

Aber das allein kann nicht der Grund sein, warum die Serie so beliebt ist, bei Waffenbesitzern und schon gar nicht bei Nicht-Waffenbesitzern.

Prof. Patrick führt das in „Zombology“ auf das „not so fresh cultural feeling“ zurück. Die Philosophie von Verfall und Untergang ist so alt wie der Westen selbst. Und wenn das auch ein Grund sein sollte, dem ganzen nicht ganz so starkes Gewicht beizumessen, so empfinden es viele Menschen im Westen dennoch so, dass die guten Zeiten vorbei sind. Egal ob nun in den USA oder Deutschland, die Zeiten, in denen ein Arbeiter mit seinem Lohn eine Familie gut ernähren und etwas Wohlstand anhäufen konnte, scheinen vorbei zu sein (dazu benötigt man heutzutage zwei Gehälter). Die Universitäten, die einstmals das Wissen bewahrten und vermittelten, unterhöhlen es heutzutage eher, indem sie „den Westen“ hassen und demontieren, aber auch nichts Besseres entgegenzusetzen haben. Der Zombie kann für so vieles stehen, so vieles verkörpern. Der hirnlose Konsum wurde ja schon in den frühen Zombiefilmen Romeros angeprangert. Aber der nach Gehirn gierende Zombie kann für noch viel mehr stehen. Heutzutage ist wohl das Treffendste, was der Zombie verkörpern kann, die Gier nach Vernetzung, nach Medien. Nicht umsonst werden die für die Umwelt blinden Smartphonenutzer, die nonstop auf ihre Geräte zu starren scheinen, mit Zombies verglichen. Auch alle in Massen auftretenden Menschen können als gehirnlose Zombiehorden empfunden werden. Und hier landen wir wieder beim individualistisch eingestellten Individuum, das selbstverantwortlich sein Schicksal in die Hand nehmen möchte. Das nicht zur kollektivistisch dahintrottenden Menge hirnloser Zombies gehören, sondern sich ihrer erwehren möchte, das sich selbst und die Seinen gegen diese Horden verteidigen möchte. Es ist laut Prof. Patrick kein Zufall, dass die „Zombie-Ära“ mit der der Waffenrechtsbewegung und Conceiled-Carry-Bewegung zusammen fällt: Obwohl die Zombifizierung der Massen voranzuschreiten scheint, nimmt auch die Zahl der Individuen zu, die ihr Heil nicht im Kollektivismus und starken Staat sieht. Eine libertäre Einstellung und ein Einstehen für das Recht auf Waffenbesitz scheint mit dem Zombiethema gut Hand in Hand zu gehen. Nicht umsonst bieten Waffenhersteller seit Jahren Schusswaffen, Äxte, Macheten und Messer in Zombiegrün an, stellen „Zombiemunition“ her oder werden Zombie-Schießevents organisiert (in den USA, in Deutschland ist das Schießen auf Zombies, auch aus Papier, verboten! – Zu menschenähnlich.) Waffenhasser deuten das so, dass diese gewalttätigen Waffennarren nur darauf warten einen Grund zu haben, wild auf alles rumballern zu können, was sich bewegt. Aber ganz im Ernst, man muss schon ziemlich verrückt sein, um sich Zustände herbeizusehnen, in denen man unweigerlich geliebte Menschen verlieren wird, man alles verliert, was man sich aufgebaut und erarbeitet hat und man in ständiger Angst und Schlaflosigkeit lebt. Aber trotz allem sieht jemand wie N.M. Micheilis in „Zombie Apocalypse Utopia“ (anders, als der Titel vielleicht vermuten lässt, eine auf Deutsch verfasste Arbeit, eventuell eine Masterarbeit. Leider gibt das Buch kein Aufschluss darüber. Veröffentlicht 2013) in der Zombie-Apokalypse eine Utopie, die einen Gegenentwurf zur momentan vorhandenen Welt bildet. Eine Welt, die dem Individualisten und „Loser“ viele Möglichkeiten bietet, die sie in unserer Welt so nicht gehabt hätten. Aber diese Utopie enthält nach Micheilis auch ein reaktionäres Moment: die bestehende Ordnung ist korrupt und verdorben, sie muss zerschlagen werden, aber bestehen kann in dieser neuen Welt der Zombie-Apokalypse nur der, der die alten Werte Familie, Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Toleranz hochhält. Auch wenn in dieser Arbeit „The Walking Dead“ explizit ausgeklammert wurde, so trifft das Hochhalten dieser Werte durchaus auch auf die Serie zu.

Wie dem auch sei, „The Walking Dead“ verhandelt so viele essentielle (philosophische) Fragen, dass es nicht verwundert, dass es auf Deutsch und Englisch Bücher zur „Philosophie bei The Walking Dead“ gibt.

Ein filmisches Werk, das zu solchen Reflexionen anregt, hat meiner Meinung nach seinen Wert. Wenn es dazu anregt, sich mit Survival zu beschäftigen – gut. Wenn Leute Spaß daran haben, sei es an der Literatur und Filmen, sei es am Zombie-Merchandising oder Zombie-events (Schießevents in den USA, Zombie Runs in Deutschland)  – auch ok.

Man sollte auch beachten dass das Konzept oder der Ausdruck „Zombie-Apokalypse“ für jede Art von hereinbrechender Katastrophe stehen kann, sei sie natürlichen oder menschlichen Ursprungs. In den USA sind Prepper, d.h. Menschen,  die sich auf solche natürlichen oder menschlichen Katastrophen vorbereiten, wesentlich zahlreicher – und sie stehen sehr viel selbstbewusster zu ihrer Lebensweise. Das mag auch daran liegen, dass die natürlichen Katastrophen (Tornados oder ähnliches) in den USA weiter verbreitet sind. Aber der amerikanische Prepper hat durchaus auch „menschliche Katastrophen“ im Hinterkopf. Ob nun in den USA oder hier, viele Menschen scheuen sich ein wenig davor, so etwas unumwunden auszusprechen. Die Zombie-Apokalypse ist da eine Möglichkeit, diese Katastrophen verschlüsselt und mit einem Augenzwinkern zu thematisieren. Als ich meinen Kumpel 2013 in den USA  besucht habe, trafen wir auf dem Schießstand einen alten Mann, der sein neu erworbenes Gewehr ausprobieren wollte. Er erzählte uns lachend, dass er der Verkäuferin bei Walmart gesagt habe, er brauche es, um sich im Falle der Zombie-Apokalypse verteidigen zu können, worauf die ihn etwas blöde angeschaut habe. Wir haben schon verstanden, was er damit sagen wollte…

Das Output im Bezug auf Zombies, wie Zombie-Strickanleitungen, Zombie-Koch- und Backbücher, eine Flut an Zombie-Literatur und – comics usw. könnte vermuten lassen, dass sich das Thema Zombie überlebt hat. Die Aktualität des Themas spricht aber dagegen und es ist zu vermuten, dass es noch einige Staffeln von „The Walking Dead“ geben wird.

Was mir an „Zombology“ besonders  gut gefallen hat, ist die Liste am Ende des Buches: was tun, um sich vor der „Zombifizierung“ zu schützen? Da stehen so wichtige Dinge drin wie 1. kein Opfer werden 2. Waffen kaufen 3. Glotze abschalten (oder nur sehr selektiv einschalten) 4. etwas für die zivile Gesellschaft tun (Waffenrechtsorganisation…?) 5. Erschaffe etwas (irgendetwas) 6. Kämpfe, organisiere, widerstehe 7. Nimm einen Kodex an 8. Stehe und gehe aufrecht 9. Verbinde dich nicht mit Idioten, sondern mit ehrenhaften Personen 10. Liebe, was du tust.

Das sind Richtlinien, die man mit oder ohne Zombie-Apokalypse beherzigen kann.

3 thoughts on “Zombie Hype

  1. Wer auf die Zombie-Apokalypse vorbereitet ist, der ist auf alles vorbereitet.

    Auch die Katastrophenschutzbehörden der USA und Canada verpacken scherzhaft ihre Notfalltipps im Zombie-Hype:

    http://blogs.cdc.gov/publichealthmatters/2011/05/preparedness-101-zombie-apocalypse/ (inzwischen ist der Blog-Post bei den Seiten der FEMA entfernt. Anscheinend haben einige Leute Anstoß dran genommen).

    British Columbia Zombie Awareness Week:
    http://www.unisdr.org/archive/26792

  2. Die vorgenannten Links sind ein Anfang, wer tiefer in die Materie gehen will: zombiehunters.org. Trotz des obskuren Namens eine wohltätige Gesellschaft, welche sich der Katatstrophenprävention und der Bildung von „prepared communities“ verschireben hat.

    Gegründet übrigens 2003.

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