Zensur und Propaganda – Film, Waffen, Zombies und eine libertäre Einstellung

25 Nov

„(…) Man könnte weitere Beispiele anfügen – nur selten konnte Lang (Fritz Lang, Regisseur) seine Vorstellungen ohne Zugeständnisse und Kompromisse verwirklichen. Neben den Zensurinstanzen der einzelnen Bundesstaaten hatten die Produzenten ein Organ der Selbstkontrolle geschaffen, das die Einhaltung eines bis ins Detail geregelten Sittenkodex streng überwachte. Lang nahm öffentlich gegen diese Institution Stellung; er wandte sich gegen die Möchtegern-Erzieher, die das Volk im Stadium der Unreife halten und ihm Denkmuster auferlegen wollten. Zensur sei nicht nur nutzlos – man kann Kriminalität und sexuelle Perversion nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man ihre Darstellung aus Literatur und Film verbietet -, sondern auch eine Gefahr für die Demokratie, weil sie den freien Dialog der Meinungen verhindert und dem Wesen nach reaktionär und fortschrittsfeindlich ist: Zensoren spielen ein sicheres Spiel. Im Namen von Gesetz und Ordnung und Moral weisen sie neue Ideen als subversiv zurück.“ (M. Töteberg, Fritz Lang, S.117)

 

Film? Zensur? Was hat das auf einer Seite über „die Waffen der Frau“ zu suchen? Auf den ersten Blick nicht viel, auf den zweiten gibt es interessante Querverbindungen.

Seit kurzer Zeit beschäftige ich mich aus beruflichen Gründen mit der Geschichte des (deutschen) Films. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass Zensur und Propaganda von frühesten Zeiten des Films an so eine große Rolle spielte. Gerade in Deutschland war man schon zu Zeiten des Kaiserreichs sehr darauf bedacht, das neue Medium Film für die Zwecke des Staates einzusetzen:

„In keinem anderen Land der Welt wurde die Kinematographie so dramatisch als ‚Volksgefahr’ und Symptom des allgemeinen Sittenverfalls gegeißelt, dachten andererseits wohlmeinende Reformer und Kustoden des guten Geschmacks so leidenschaftlich über Zähmung und bildungsbürgerliche Nobilitierung des neuen Mediums nach wie in Deutschland. Schon 1910, fast 5 Jahrzehnte vor den Feldzügen der ‚Aktion Saubere Leinwand’ in der Bundesrepublik erfassten kirchliche Beobachter mit statistischer Akribie die von der Filmindustrie zu verantwortenden Verstöße gegen Zucht und Ordnung; (…) Auf die Kinobegeisterung vor allem der großstädtischen Massen hatten zwar weder die Bannsprüche von Kirche und Staat noch die Reformbewegungen der Akademiker einen wesentlichen Einfluss(…). Nur während einer relativ kurzen Zeitspanne in der Weimarer Republik wird sich die Programmpolitik der UFA aus jenem Netz einengender inhaltlicher Vorgaben, Richtlinien und Zensurbeschränkungen emanzipieren können, das die Entwicklung einer international konkurrenzfähigen Filmindustrie in Deutschland so erschwert hat.“ (K. Kreimeier, Die UFA-Story, S. 24f.)

 

Das war in anderen Ländern durchaus auch der Fall, dennoch war diese Tendenz, den Film einerseits als moralzersetzend zu sehen und somit Zensur für nötig zu erachten, andererseits ihn als Medium zur Propaganda staatstragender Doktrinen einzusetzen, in Deutschland besonders stark. Kein anderes Land besitzt eine derartige ‚Zensur’, die als ‚freiwillige Selbstkontrolle’ getarnt ist und die mit der ZDF-Reportage ‚Mama, Papa, Zombie’ von 1984 den Startschuss gab, gewaltig an der Zensurschraube zu drehen. Wer heutzutage ungeschnittene Filme mit Gewaltdarstellung sehen möchte (Gewaltdarstellung gegen Menschen wird durch §131 StGB verboten), muss sich die Filme am Besten im Ausland besorgen.

 

Der  Denkfehler, der meiner Meinung nach hinter all dem steckt ist der, dass man mit Verboten hier etwas erreichen könnte. Es ist wie mit jeder Form der Prohibition – Alkohol, Drogen, Waffen. Wird dadurch erreicht, dass weniger Alkohol und Drogen konsumiert werden? Nein. Nie wurde in den USA mehr Alkohol getrunken als zu Zeiten der Prohibition, nie ist die Gewaltrate so hoch wie in waffenfreien Ländern und Zonen.

Wie bei jedem Verbot wird auch bei der Filmzensur angenommen, der dumme, unmündige Bürger sei nicht in der Lage selbst zu entscheiden, was er sehen kann, nicht in der Lage, das Gesehene in einen entsprechenden Kontext einzuordnen. Nicht bei zeitgenössischen Werken, nicht bei historischen. Vor Kurzem hörte ich bei einer Führung im Museum die Meinung, dass es gut sei, dass Filme wie ‚Jud Süß’ oder ‚Ohm Krüger’ – zwei propagandistische, hetzende Machwerke der NS-Zeit – nicht zu ‚bekommen’ seien und nur mit ‚Einführungen’ von Experten in Kulturkinos gezeigt werden dürfen.

Warum? Weil der Bürger nicht in der Lage ist, die Nazipropaganda zu erkennen? Weil der Bürger einen Oberlehrer braucht, der  ihm erklärt, dass das Nazi-Propaganda ist und somit ganz arg pfui und böse? Meinen die wirklich, dass dadurch Leute, die dem rechtsextremen Lager angehören, vom Gegenteil überzeugt werden könnten?

Ohnehin entscheidet ja immer nur derjenige, der gerade an der Macht ist, was ‚gut’ ist und was ‚böse’. Zu NS-Zeiten galt Kunst von Juden, Kommunisten und ‚Modernen’ als ‚entartet’, jene oben erwähnten Werke als ‚gut’. Heute eben, was unsere Bundesregierung und ihre Think-tanks als ‚gut’ und PC ansehen – und diese Linie wird immer vehementer in den Leitmedien durchgedrückt, andere Meinungen unterdrückt und verunglimpft. Das ist nicht das, was man unter freiheitlich, pluralistisch und ‚jeden nach seiner Façon selig werden’  versteht.

 

Dieses tiefe Bedürfnis des Nanny-Staates, sich dem Bürger als überfürsorgliche Glucke aufzudrängen zeigt sich also u.a. einerseits darin, dass man dem Bürger beispielsweise Gewalt nicht zumuten kann oder will. Zu stark – denkt sich der Staat – ist die Gefahr, dass der Bürger durch das Schauen blutrünstiger Zombiefilme, in denen gezeigt wird, wie die Großaufnahme abgeschlagene Köpfe fliegen, seine Mordgelüste weckt, die er nun aus einem Mangel an Zombies nicht an jenen auslassen kann und somit auf Menschen zurückgreift. Aha. Haben also islamistische Terroristen etwa zu viele Zombiefilme gesehen? Ich fürchte, die Ursachen liegen da woanders… (Propaganda? Gehirnwäsche?) Dieselben Vorbehalte gelten natürlich auch für Computerspiele.

Aus demselben Grund will der Staat auch nur sehr ungern zulassen, dass der Bürger sich mit Schusswaffen beschäftigt. Ganz verbieten kann er sie (noch) nicht, er arbeitet zwar seit ein paar Jahren daran, dass die öffentliche Meinung immer weiter in Richtung ‚Sportwaffen sind Mordwaffen’ rückt – noch ist es nicht soweit. Aber steter Tropfen höhlt den Stein und jeder seltene Fall eines mordenden Sportschützen wird aufgebauscht. Denn, so die Argumentation der erklärten Schußwaffengegner, Schießen mache schließlich „mordlüstern“, man trainiere sich sozusagen die Tötungshemmung ab. Der Sportschütze als Schläfer und tickende Zeitbombe – auch wenn diese nur auf Papier gedruckte Ringe schießen (ich will jetzt lieber nicht darauf eingehen, was für Schläfer und Zeitbomben sch der Staat für seine Zwecke heranzüchtet…). Das muss natürlich verhindert oder wenigstens eingedämmt werden, somit darf der zivile Schütze (im Gegensatz zum Behördenangehörigen) nicht auf Mannziele schießen, nicht im Laufen, nicht aus der Deckung heraus usw. Auch nicht auf Zombieziele, denn Zombies sind zu menschenähnlich. Um die Bigotterie dieser ganzen Sache noch deutlicher zu machen: Ich darf ein Ziel haben, das aus den geometrischen Formen Kreis (oben) und Rechteck (unten) besteht, kann darauf, beispielsweise (im Stehen) den Mogadischu-Drill üben. Und da kann man sich dann nicht den Kreis als Kopf und das Rechteck als Körper vorstellen?

 

Wollen wir das ganze nun verbinden? Die Zombies aus dem Film und die Waffen? Wie wäre es mit Zombie-Shooting? Andere Zombie-Veranstaltungen gibt es ja schon, den Zombie-Run in Berlin und München beispielsweise, bei dem man auf einer Strecke von 5 km Zombies davonrennen muss (also eine Kombination aus Laufsport und Zombies). Eigentlich perfide: ich darf „Opfer“ sein, das sich durch Wegrennen in Sicherheit bringen kann, aktiv Verteidigen darf ich mich nicht – klar, dass das bei den Behörden durch geht! (Ich denke, es macht trotzdem Spaß; Es ist ja in erster Linie eine Laufveranstaltung und die Zombiestatisten sollen natürlich durch Verteidigung nicht verletzt werden – ich hoffe, der geneigte Leser hat verstanden, was ich damit ausdrücken wollte.) Von mir aus könnte ein Zombie-Shooting auch mit Airsoft stattfinden. In den USA gibt es solche Zombie-Shootings als sportliche Events bereits.

Ich finde es absolut notwendig, die Menschen selbst entscheiden zu lassen, was sie wollen, solange sie niemanden dabei schädigen. Prohibition sucks! Keine Zensur im Film – und her mit einem liberaleren Waffenrecht!

3 thoughts on “Zensur und Propaganda – Film, Waffen, Zombies und eine libertäre Einstellung

  1. Hallo, in Bezug auf die Filme aus der Nazi-Zeit fällt mir die sehr interessante Artikelserie „Das dritte Reich im Selbstversuch“ auf Telepolis (heise.de/tp) ein. Die Filme aus dieser Zeit sind verboten, weil die Deutschen keine Nazis seien, sondern von den Nazis „verführt“ worden seien. Also muss man die Menschen vor erneuter Verführung schützen und diese Filme unter Verschluss halten. Dies gehört fest zum deutschen Nachkriegsmythos als Teil der Bewältigung des Terrors und des Krieges.

    Ich halte das natürlich für Unsinn. Niemand wird automatisch zum Nazi, wenn er deren Filme sieht. Ich halte es statt dessen für wertvoll und wichtig, wenn sich jeder diese Filme ansehen und die Mittel der Manipulation erkennen und analysieren kann. Das ist auch das Ergebnis der Artikelserie auf Telepolis. Aber – wie schon im Artikel hier dargestellt – an mündigen und aufgeklärten Bürgen hat unser Staat kein Interesse…

  2. Bei Computer-Spielen ist es in Deutschland übrigens so krass, dass die Hersteller der Spiele von sich aus für Deutschland zensierte Versionen publizieren, damit sie bloß nicht Gefahr laufen keine 18+ Freigabe zu bekommen. Denn wenn sie die 18+ Freigabe nicht bekommen, darf das Spiel in Deutschland nicht öffentlich beworben und verkauft werden.
    Die Zensur geht in den Sonderversionen für den deutschen Markt so weit, dass die Dialoge teilweise keinen Sinn mehr ergeben…
    Das ist eine Zensur, die einfach viel zu weit geht, denn es ist faktisch eine Zensur selbst für erwachsene volljährige Bürger.

  3. Der Nanny-State wird immer schlimmer. Aber das passt zu einem Land in dem die Kanzlerin „Mutti“ genannt wird. (Wenn ich Bilder von der Frau sehe, muß ich immer an die böse Hexe aus dem Märchen denken).

    Der Artikel 5, Absatz 1, des Grundgesetzes enthält den Passus: „Eine Zensur findet nicht statt“. Das ist zwar vordergründig richtig, da der Staat selbst keine offizielle Zensurbehörde unterhält, aber er hat die Zensur billigerweise einfach ausgelagert. „Freiwillige Selbstkontrolle“ – das ich nicht lache. Wenn man die Zensur-Schere gleich in die Köpfe der Leute packt, dann ist das Problem mit der Gedankenkontrolle elegant gelöst. „Wir zensieren nicht“! Natürlich nicht – sie lassen zensieren …

    Die Annahmen der Zensoren, bezüglicher der Intelligenz und der Differenzierungsfähigkeiten der Bürger, basieren auf einer völlig falschen Prämisse, auf einer psychologischen Annahme, die durch Fakten schon vor vielen Jahrzehnten widerlegt wurde.

Kommentar verfassen