Verängstigte Bürger oder sorglose Bürger?

3 Feb

Dieser Tage ist oft vom „verängstigten Bürger“ die Rede: Angst vor sexuellen Übergriffen, Raub und Diebstahl lassen die Menschen zu Pfefferspray und Schreckschusswaffen greifen, die Verkaufszahlen gehen durch die Decke. So mancher hätte am liebsten auch eine scharfe Waffe, um sich zu verteidigen.

Andererseits habe ich gleichzeitig den Eindruck, als wären sehr viele Menschen völlig arglos und unbesorgt.

Da ich im Zentrum Berlins, an einem Ort mit vielen Besuchern, arbeite, sehe ich es ja fast täglich: Viele scheinen zu faul zu sein, es aber gleichzeitig auch nicht für nötig halten, ihre Taschen und Rucksäcke zu zu machen. Die momentan modernen Retro-Rucksäcke mit Kordelzug und Deckelklappen mit Schnallen verleiten auch dazu, da für deren Schließung mehr Handgriffe erforderlich sind als dafür, nur den Reißverschluss zu zu ziehen.  Und so sieht man dann Gäste, die bei uns noch nachgefragt haben, ob ihre Sachen denn bei uns – einer Garderobe, die ständig von Personal bewacht ist – auch sicher sei, mit offenem Rucksack auf einen der belebtesten Plätze der Stadt hinausspazieren…nicht anders sieht es bei Handtaschen aus, manche Designer scheinen ihre Modelle für Damen zu entwerfen, die immer 4 Bodyguards um sich zu haben scheinen, so dass ein Griff in die Tasche, die ohne Reißverschluss oder sonstigen Schließmechanismus auskommen muss, gar nicht möglich ist. Aber auch bei Modellen mit Reißverschluss scheinen es die Besitzerinnen für unmöglich zu halten, dass da jemand hineingreifen könnte, ohne dass sie es bemerken, oder wie erklärt man sich, dass so viele offen bleiben?

Als ich kürzlich mit einer Freundin, die auch in der Sicherheit tätig ist, darüber sprach, konnte sie mir diese Sorglosigkeit nur bestätigen. Zwei Vorfälle, die das verdeutlichen, führte sie an. Der erste führte dazu, dass sie ihre Bank wechselte (obwohl der Vorfall eher das Zünglein an der Waage war): Ein Kunde vor ihr in der Reihe wollte einen größeren Betrag Geld abheben. Anstatt den Kunden nun in einen separaten Raum zu führen, um die Geldübergabe nicht unter den Augen der anderen Kunden einer gut gefüllten Filiale vorzunehmen, bekam der Mann am Schalter laut die Scheine des größeren Geldbetrages vorgezählt. Wie kann eine Mitarbeiterin eines Geldinstituts so wenig Sicherheitsbewusstsein für ihre Kunden haben? Wenn auch nur ein „Kunde“ mit bösen Absichten im Raum war, so wusste der nun, wie der Mann aussieht und was für einen (lohnenden) Betrag der mit sich führte.

Der zweite Vorfall trug sich bei einer Zugfahrt zu. Eine junge Frau war lange mit ihrem hochwertigen Smartphone zugange. Dann beobachtete meine Freundin, wie sie jenes Smartphone in ihre Jackentasche steckte und diese zusammen mit ihrem Koffer und einer Tasche an ihrem Platz zurück ließ, während sie selbst die Toilette aufsuchte. Der Zug fuhr da gerade an einer Station ein und hielt an. Sie war allein und hat auch niemanden gebeten, auf ihre Sachen aufzupassen. Auch hier fragt man sich, ob die junge Dame nicht genug Phantasie aufbringen konnte, um sich vorzustellen, dass es sich für Diebe lohnen könnte, die Tasche und die Jacke mit dem Smartphone zu schnappen und schnell den Zug zu verlassen?

Was wir in unserer Ausbildung beigebracht bekommen haben, war: „Lerne zu denken wie ein Dieb/Verbrecher/Attentäter, nur dann kannst Du passende Gegenmaßnahmen ergreifen.“

Ein anderer Grundsatz, den man uns beigebrachte, lautet: „Aktion vor Reaktion.“ Lieber selbst handeln, vorausschauend handeln, bevor man von jemand anderem zu einer Reaktion gezwungen wird. Das kann bedeuten, dass man seine Wertgegenstände entsprechend gut verstaut, so dass sie nicht leicht entwendet werden können. Das kann auch bedeuten, dass man rechtzeitig die Straßenseite wechselt, wenn man auf der eigenen Seite eine Situation vorfindet, die einem nicht geheuer scheint. Dass man auf S- und U-Bahnhöfen hinten an der Wand steht, bis die Bahn eingefahren ist und nicht an der Linie vorne.

Wenn manche Leute sich mit Sicherheitsleuten unterhalten, gewinnen sie bisweilen den Eindruck, sie hätten es mit Angsthasen zu tun. Ein ausgebildeter Personenschützer müsse sich doch wie ein Rambo in jede Gefahrensituation stürzen….?!? Nein, Gefahren vermeiden, lautet die erste Devise. Und nur dann, wenn sich eine Gefahrensituation wirklich nicht mehr vermeiden lässt, muss man reagieren.

Ich finde, in dieser Haltung sollten mehr Leute geschult werden. Zu einem Sicherheitstraining (speziell für Frauen, oder für Frauen und Männer) gehört es nicht nur, Abwehrtechniken für waffenlose Selbstverteidigung oder den Einsatz von Abwehrmitteln zu lernen, sondern zu so einem Training sollte auch gehören, dass die Teilnehmer vermittelt bekommen, wie sie im Vorfeld agieren müssen, dass es gar nicht erst zu einem Übergriff kommt.

Die amerikanische National Rifle Association bietet ein derartiges Training an: „Refuse to be a victim“. Wäre in Deutschland nicht auch Bedarf vorhanden?

3 thoughts on “Verängstigte Bürger oder sorglose Bürger?

  1. Das wäre tatsächlich von Nöten.
    Ich erkene zwar auch immer mal eine Situation im nachhinein als brenzlig(er als gedacht) aber die absolute Blauäugigkeit meines Umfeldes schockiert mich dann doch immer wieder.

  2. Laut Jeff Cooper laufen die allermeisten Leute in „Condition White“ herum und brüllen dann laut, wenn was passiert – fühlen sich aber überhaupt nicht dafür zuständig, auch ein bisschen an die eigene Sicherheit zu denken. Wenn man solche Leute auf ihr unaufmerksames, selbstzentriertes Verhalten aufmerksam macht, reagieren die meisten mit Unverständnis. Für Sicherheit wäre ja wohl die Polizei zuständig. Jedenfalls jemand anderes. Niemals sie selbst.

    Scheint wirklich so zu sein, daß sehr viele Menschen einfach die Realität ausblenden. Oder es ist die grassierende Infantilität in der Gesellschaft. Zurück in den Kindchen-Status – Mama und Papa werden sich schon kümmern.

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