Stephen P. Halbrook: “Gun Control in the Third Reich: Disarming the Jews and ‘Enemies of the State’”

6 Feb

Was lange währt, wird endlich gut. Ich hatte „Gun Control in the Third Reich“ bereits im September zu lesen begonnen, musste aber aus beruflichen Gründen erst noch ein paar tausend Seiten zu einem anderen Thema an Lektüre dazwischen schieben, bis ich mich im Januar wieder diesem Buch widmen konnte. Meine lange Lesedauer dieses 219 Seiten langen Buches hatte also nichts damit zu tun, dass es langweilig, sperrig oder schlecht wäre – ganz im Gegenteil! Obwohl es sich um das Werk eines Historikers handelt (und viele womöglich denken, Wissenschaft sei trocken, Geschichtsbücher verstaubt), das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, zieht es einen in seinen Bann wie ein Krimi, und das, obwohl man den Ausgang der Geschichte ja nur zu gut kennt: die Vernichtung von 6 Mio. Juden.

 

Das Werk ist in 4 Teile zu je 3 Kapiteln aufgeteilt, wobei das jeweils erste Kapitel als Einführung die allgemeinen geschichtlichen Vorgänge beschreibt.

 

Teil 1 beginnt mit den Voraussetzungen, nämlich der Situation zu Zeit der Weimarer Republik („Dancing on a Volcano: the Weimar Republik“), insbesondere der Schaffung des Waffengesetzes von 1928, welches „Erwerbsscheine“ (heute Waffenbesitzkarte), Waffenscheine (zum Führen von Waffen) und behördliche Genehmigungen für Waffenhändler und -hersteller nötig machte. Dies alles wurde nur  „zuverlässigen Personen“ gewährt. Zudem wurde die Registrierungspflicht im Gesetz verankert, so dass die Behörden jederzeit leichten Zugriff auf Waffenbesitzer und ihre Waffen nehmen konnten. Wie so vieles war dieses Gesetz „gut gemeint“, nämlich um Extremisten den Zugriff auf Waffen zu erschweren. Denn es war durchaus bemerkt worden, dass gerade solche Waffenregister nicht in die Hände gewisser Personenkreise gelangen sollten – aber genau diese Leute erlangten schließlich den Zugriff und nutzten sie zu ihren Zwecken…

 

Der zweite Teil trägt den schönen Titel „Enter the Führer“ und rekapituliert zunächst mal kurz, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Die Nazis verloren keine Zeit, auf Grundlage der Waffengesetze der Weimarer Republik Juden und Linke zu entwaffnen. Wo die Waffen zu finden waren, ließ sich leicht ermitteln, denn die rechtschaffenen Bürger hatten ihre Waffen zumeist ordnungsgemäß registrieren lassen. Nun brauchte man sie nur noch als „nicht zuverlässige Personen“ qualifizieren, bzw. zu definieren, wer zu den Staatfeinden zu rechnen sei.

 

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Gleichschaltung, beginnend mit der Entmachtung der SA in der „Nacht der langen Messer“. Hier wird auch beschrieben, wie die Gestapo als außerhalb der Gesetze stehende Behörde genutzt wurde, um auf Jagd nach Waffen zu gehen und den Bedrängten keine Möglichkeit gelassen wurde, sich dagegen zu wehren. Gerade auch für die Geschichte des Sportschützentums ist dieses Kapitel besonders interessant, denn hier wird die Gleichschaltung der Schützenvereine beschrieben, die in den neu gegründeten „Deutschen Schützenverband“ eintreten mussten und ihre bisherige Souveränität verloren (wie andere Sportclubs auch). Im März 1938 wurde dann das neue Waffengesetz der Nationalsozialisten verabschiedet. Es sollte den Waffenbesitz für die Anhänger des Regimes erleichtern (so war für SA, SS u.a., u.U. ab einem gewissen  Rang, kein Waffenschein mehr zum Führen einer Waffe nötig) und gleichzeitig den Juden jedes Recht (Erwerb, Besitz, Führen) auf Waffen und Munition absprechen.

 

Der vierte Teil hat die Reichskristallnacht zum Thema, jene am 9./10. November 1938 vom Naziregime durchgeführten Pogrome gegen Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen sowie gegen die Juden selbst. Auch hier bildete die Suche nach Waffen einen der wichtigen Punkte. All jede, bei denen noch Waffen gefunden wurden, wurden verhaftet und die Waffen sichergestellt. Die Voraussetzungen für den Abtransport der Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager und die „Endlösung“ der Judenfrage waren geschaffen.

Anschaulich wird die Reichskristallnacht durch die Darstellung einiger Einzelschicksale im letzten Kapitel „Jewish Victims Speak“. Das Buch schließt mit einem Kapitel über den deutschen Widerstand, in dem die weiße Rose und Stauffenberg, aber auch unbekannte, kleinere Akte der Auflehnung erwähnt werden.

 

Nicht nur im Bezug auf das Abschlusskapitel, auch ganz allgemein lässt sich sagen, dass dieses Buch trotz seines Themas sehr „deutschenfreundlich“ geschrieben ist, da es viele Beispiele aufführt, die zeigen, dass auch ein (großer?) Teil der deutschen Bevölkerung nicht mit dem totalitären Regime der Nazis einverstanden war, sich teilweise und den Möglichkeiten entsprechend wehrte und den Juden zur Hilfe kam. Es zeigt aber eben auch, wie gewisse staatliche Voraussetzungen (Waffenregister, Schlägertruppen, außerhalb aller Gesetze stehende Behörden) einen effektiven Widerstand fast unmöglich machen. Mir hat die Lektüre dieses Buches wieder mal auf erschreckende Weise ins Gedächtnis gerufen, wozu ein Terrorstaat alles in der Lage ist.

 

Das Werk geht durchaus auch auf die nahe liegende, wenn auch eher von Waffengegnern vorgebrachte Frage ein, ob es denn etwas geändert hätte, wenn die Juden bewaffnet gewesen wären. Halbrook wollte mit diesem Buch keineswegs behaupten, dass eine Bewaffnung den Holocaust verhindert hätte. Aber anhand einzelner Beispiele zeigt er doch auf, dass ein entschlossener, besonders auch ein bewaffneter Widerstand, in einigen Fällen dazu führte, dass die feigen Schlägertrupps den Schwanz einzogen und von ihrem Vorhaben abließen. Sonst lautet das Credo auch immer (bei den Rufen nach Waffenverboten) „Wenn nur ein Kind/Mensch dadurch gerettet werden könnte….!!!“ Aber bei diesem „einen Juden“ scheint dieser Spruch dann nicht mehr zu gelten…

 

Für pro-gun-Meme-Bastler bietet das Buch eine Fülle an Sätzen, die sich hervorragend eignen. Das Werk ist ein einziges Manifest dafür, dass Waffen in die Hände unbescholtener Bürger gehören. Es zeigt, dass man aufhorchen sollte, wenn der Staat nicht will, dass die Bürger Waffen besitzen. Das Dritte Reich war ja nicht die einzige Diktatur, die ihr Volk entwaffnet hat. Untersuchungen zu anderen Terror-Regimen könnten dieses Bild ergänzen. So, dass es irgendwann der bornierteste Waffengegner begreift? Mit dieser Hoffnung bin ich vorsichtig, aber man könnte dann irgendwann auch „Vorsatz“ unterstellen…

 

Einen negativen Punkt habe ich anzumerken: Leider habe ich überdurchschnittlich viele Fehler bei den deutschen Begriffen feststellen müssen, ich hoffe, diese werden bei der nächsten Auflage korrigiert – das Buch hat eine einwandfreie Erscheinung verdient!

 

Fazit: Wenn es ein Buch zum Thema Waffenrecht gibt, das unbedingt übersetzt gehört, dann dieses. Denn es handelt sich um eines, in dem es nicht um „amerikanische Verhältnisse“ geht, sondern um deutsche. Deutsche Verhältnisse zu einer Zeit, die besonders das links-grüne politische Spektrum ad nauseam verwendet, um auf (reale oder angebliche) Missstände hinzuweisen oder um politische Gegner mit der so genannten Nazikeule mundtot zu machen. Mit der Übersetzung dieses Buches könnte man diesen Leuten „in your face!“ entgegenschleudern, denn hier ist einmal „Drittes Reich“ in einer Form geboten, die ihnen nicht schmecken wird. Verweist der Inhalt doch zu sehr darauf, was sie selbst fordern und vorantreiben: Eine Entwaffnung der Bevölkerung, so dass nur noch Polizei und Militär bewaffnet sind.

Eine Übersetzung wäre deswegen sinnvoll, weil Englisch als Zweitsprache in Deutschland leider immer noch nicht in dem Maße verbreitet ist, dass eine breitere Bevölkerungsschicht in der Lage oder gewillt wäre, Bücher in englischer Sprache zu lesen.

 

Stephen P. Halbrook: “Gun Control in the Third Reich: Disarming the Jews and ‘Enemies of the State’”. The Independent Institute, Oakland, CA/USA, 2013. 219 Seiten. Englisch.

 

6 thoughts on “Stephen P. Halbrook: “Gun Control in the Third Reich: Disarming the Jews and ‘Enemies of the State’”

  1. Pingback: Waffenkontrolle im 3. Reich – wie ein Waffengesetz missbraucht wurde | Waffen – Waffenbesitzer – Waffenrecht

  2. Schade dass das Buch nicht auf Deutsch gibt. Muß ich erst English lernen um zu erfahren wie wir Deutsche verarscht wurden, bzw. immer noch werden ?

    Wo und wann ist die nächste PEGIDA in meiner nähe ?

    Danke für die Buchbesprechung.

    • Was en das für ein dummer Einwurf mit PEGIDA. Da will wohl ein Waffengegner unterschwellig die Tendenz von libertären Waffenbefürwortern zu diesen Randgruppen suggerieren.
      Da musste dich schon noch ein bisschen geschickter anstellen.

      Man kann das hier und jetzt gar nicht in den Kontext der 30iger stellen denn heute existiert ein tendenziöser „Terrorstaat“ gegen und mit extremen Schlägertruppen seitens Punks und Skins und deren Varianten .

  3. Pingback: Drei-Wochenrückblick vom 11.10.2015 | German Rifle Association

  4. Das Buch ist inzwischen auf deutsch erschienen und unbedingt empfehlenswert. Für mich war insbesondere erschreckend zu erfahren, wie viele Dinge, die wir (auch) in Bezug auf Waffenthemen als selbstverständlich hinnehmen, ihren Ursprung in den dunkelsten Zeiten unserer Geschichte haben, und warum dies so ist.
    Deutscher Titel: Stephen P. Halbrook – Fatales Erbe: Hitlers Waffengesetze. Die legale Entwaffnung von Juden und „Staatsfeinden“ im „Dritten Reich“

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