Selbstverteidigung aus weiblicher Sicht

8 Aug

 

Am Sonntagmorgen war ich schon früh morgens mit dem Hund unterwegs gewesen. Wie immer starteten wir zunächst in unserem kleinen Park gegenüber. Schon als ich den Park betrat stand da auf der Wiese ein junger Mann, wahrscheinlich ein Überbleibsel von letzter Nacht, der nichts Offensichtliches zu tun hatte. Als er mich sah, deutete er mit Zeichensprache an, dass er gerne eine Zigarette hätte, ich schüttelte den Kopf (bin eh Nichtraucher). Er schien mir zu folgen, denn ich sah ihn dann kurz darauf 50 m weiter am Spielplatz stehen – mit Zigarette. Hm, interessant. Er beobachtete mich. Nun gut, ich gehe nie ohne „situational awareness“ durch Berlin, mir war durchaus bewusst, dass er mir auf einem (kürzeren) Parallelweg zum anderen Ausgang des Parks folgte. In meinem Kopf war ich schon auf Fight-Modus. Er saß dann auf einer Bank am Ausgang, sprach mich an – ich ignorierte ihn, natürlich ohne ihn aus dem Augenwinkel zu lassen. Er war ein Würstchen. Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass ich vielleicht nicht das beste Opfer bin…

 

Ein paar Monate davor: 18:30, es war dunkel (Winter), ich auf dem Weg zum Einkaufen, als mir eine Gruppe von 10 jungen Männern, manche eher noch Jugendliche, entgegenkam. Mein Bauchgefühl stellte die Warnanzeige schon auf Orange und tatsächlich machte der eine aus deren „cooler Gangsta“-Stimmung heraus eine anzügliche Bemerkung gegen mich und streckte seinen Arm nach mir aus, sodass er mich fast berührt hätte. Ich unterrichte 34a, was lernt man da im Umgang mit Gruppen? Ja, ich blieb cool, zeigte keine Angst, ließ mich nicht provozieren und ging einfach weiter – es ist nichts passiert. Aber was wäre wenn? Sollte ich mich etwa drauf verlassen, dass nichts passiert, nur weil der Eingang zum Supermarkt nur 50 m entfernt war? Der dunkle Parkplatz und ein dunkler Park waren ebenso weit weg…
Die Firma Glock präsentierte auf der diesjährigen IWA ein neues Mitglied der Glock-Familie: die Glock 42, eine superkompakte 6-schüssige Pistole im Kaliber .380. Ein Mitarbeiter des Glock-Standes meinte: „…ja, die ist für Frauen sehr geeignet.“

Wofür bitteschön? Ich meine – wofür in Deutschland?

Denn der Zweck solch einer superkompakten Waffe ist klar: Selbstverteidigung. Etwas, das in den USA, eventuell auch Österreich oder der Schweiz, eine Berechtigung hat und somit einen Markt bietet. Nicht so in Deutschland, Selbstverteidigung ist hier kein Bedürfnis (oder nur in ganz harten, gut begründeten Fällen) – und als Sportwaffen machen diese Superkompakten wenig Sinn.

Folglich entfällt hierzulande der Markt der an Selbstverteidigung mittels Schusswaffe  interessierten Frauen, auf die diese und ähnliche Waffen abzielen. (Männer tendieren eher zu größeren Modellen oder würden solche Größen als Backup nutzen).

Aber würde es diesen Markt bei uns in Deutschland geben, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen es zulassen würden? Wie steht es um die Selbstverteidigung mit Schusswaffe bei Frauen?

 

Führen wir mal die 3 oberen Absätze nun zusammen: Mich versetzt man nicht so leicht in Angst, sonst sollte ich besser nicht in der Sicherheit arbeiten. Der einzelne junge Mann – ich bilde mir ein, wenn es zu einem unbewaffneten Kampf gekommen wäre, hätte er eine schmerzliche Erfahrung gemacht (allerdings bleibt immer ein Quäntchen Unsicherheit – trainiert der seit 10 Jahren Kampfsportarten?). Aber 10 junge Männer sind schon eine Hausnummer. Bei der Übermacht kommt bestimmt auch jeder halbwegs klar denkende Kampfsport-Profi oder Street-Fight-Experte ins Grübeln, wenn er nicht an grandioser Selbstüberschätzung oder Filmverblödung leidet.

Also: rein auf seine „Kampfkünste“ sollte sich in dieser Situation niemand verlassen.
Was habe ich noch für Möglichkeiten?

 

Es wird immer wieder von Gegnern angeführt, dass die USA und Deutschland nicht zu vergleichen wären, dort haben Schusswaffen ein ganz anderes Image, zudem sei es dort durch die weite Verbreitung von Schusswaffen, das Arm-Reich-Gefälle und allgemein eine (unterstellte) „Wild-West-Mentalität“ eventuell notwendig (besser wäre, man würde Schusswaffen auch dort abschaffen), aber bestimmt nicht hier in Deutschland, hier sei es ja mit der Kriminalität nicht so schlimm. Gerade Frauen wird dann geraten, sich mit Pfefferspray (eigentlich ist dieses ja von der Gesetzgebung nur zur Tierabwehr erlaubt), Selbstverteidigung (Kurse) oder Trillerpfeifen gegen eventuelle Angreifer zur Wehr zu setzen (wie es die gun-grabber in den USA übrigens auch tun).

Um es gleich vorweg zu sagen, es macht mich wütend, dass mir hier in meinem Heimatland eine effektive Möglichkeit der Selbstverteidigung verwehrt wird (eine Möglichkeit, die ich in vielen Staaten meines Geburtslandes hätte) und dann Alternativen genannt werden, die von mäßig gut über schwer umsetzbar bis schlichtweg lachhaft reichen. Ein Land, das offensichtlich lieber Täter schützt, hätschelt und milde bestraft, als den (potentiellen) Opfern beizustehen; Lieber noch die Wehrhaften bestraft, so als müsste sofort die staatliche Ordnung zusammenbrechen, wenn die berechtigte (Gegen-)Gewalt ausnahmsweise mal nicht vom Staat ausgeht.

 

Frauen sind Männern im Durchschnitt in einigen Belangen körperlich unterlegen: kleiner, leichter und mit weniger Muskelmasse, somit Kraft, ausgestattet. Ich schreibe „im Durchschnitt“, weil es selbstverständlich kleine, dünne, schwache Männer gibt und große, durchtrainierte Frauen. Das ändert aber nichts an der allgemeinen Aussage. Ich denke, man kann dies als biologische Gegebenheit bezeichnen.

Somit haben Frauen zumeist die schlechteren Karten in einem waffenlosen Kampf – und dieses Ungleichgewicht lässt sich nicht mal eben so durch ein bisschen Selbstverteidigung nivellieren, wie manche Anbieter solcher Kurse für Frauen suggerieren und dadurch die Frauen womöglich in einer falschen Sicherheit wiegen.

Ich selbst habe mein Leben lang viel Sport gemacht, diverse Sportarten, habe also eine recht gute Grundfitness und auch mehr Muskelmasse als Frauen im Durchschnitt. Zudem habe ich vor nicht allzu langer Zeit geboxt, Kali Sikaran trainiert und in meiner Weiterbildung in der Sicherheit auch waffenlose Selbstverteidigung. Trainiert habe ich mit Männern und Frauen und mich hat das Training eher gelehrt, dass man sehr lange trainieren muss, um sich effektiv und sicher gegen einen Aggressor, besonders einen, der einem körperlich überlegen ist, zu verteidigen. Ich will damit nicht sagen, dass „waffenlose Selbstverteidigung“ nutzlos ist, aber das Risiko, dass die Verteidigung nicht greift, besonders, wenn Waffen (Schusswaffen, Messer o.a.) im Spiel oder gar mehrere Angreifer zugegen sind, ist hoch (die beiden letzteren Punkte – Waffen und mehrere Angreifer – gelten natürlich ebenso für Männer).

Sollte man jedermann, bzw. jede Frau, dazu zwingen, ihre Freizeit dem Kampfsport- und Selbstverteidigungstraining zu widmen? Wohl eher nicht.

Wie sieht es mit Waffen, Pfefferspray und –gel, CS-Gas, Messer, Kubotans usw. aus? Zunächst einmal sollte im Bezug auf Pfeffersprays und -gele angemerkt werden, dass diese Mittel vom Gesetzgeber nur zur Verteidigung gegen Tiere zugelassen sind, wer es zur Selbstverteidigung gegen Mitmenschen mit bösen Absichten einsetzen möchte, muss lügen und behaupten, man führe es nur mit, weil man Angst vor Hunden hat oder ähnliches. Im Falle einer Notwehr dürfen sie dann aber auch gegen Menschen eingesetzt werden.

Waffen bergen natürlich auch gewisse Risiken: Wenn man den Angreifer nicht von vornherein auf Abstand halten kann, dann besteht die Gefahr, dass dieser sich der Waffe bemächtigt und sie gegen einen selbst einsetzt. Das gilt für Messer, Schusswaffen, Pfefferspray und andere Waffen. Dieses Argument wird von Gegnern der Selbstverteidigung (ich bezeichne so die Leute, die es nicht für ratsam halten, sich mit Gegengewalt zu wehren und die Deeskalation, Beschwichtigung, „Einlenken“  ­[beispielsweise Geld und Wertsachen herausgeben], Hilferufe oder Trillerpfeifen und ähnliches zum Krachmachen favorisieren) gerne angeführt. Auch der Hinweis, Gegenwehr könnte den Angreifer noch wütender und gewalttätiger machen, wird von diesen gerne gebracht. Ich persönlich würde lieber beide Risiken eingehen – dass mir u.U. eine Waffe abgenommen werden könnte wie auch, dass der Angreifer wütend wird – als im Falle eines tätlichen Angriffs in den „Opfermodus“ zu verfallen.

Ein weiteres Argument gegen Waffen wie Messer oder Abwehrsprays und -gele wäre, dass die Stopp-Wirkung nicht unbedingt gegeben ist: Abwehrstoffe wirken bei manchen Personen oder Personengruppen nicht, ein Messerstich kann zwar zu verbluten führen, wird aber unter Umständen einige Zeit erst mal kaum wahrgenommen.

Wenn man die Distanz der Waffen betrachtet, so reichen Abwehrsprays einige Meter, bei Messern, Kubotans und ähnlichem muss der Angreifer schon auf Armlänge an einem dran sein. Hier sind Schusswaffen natürlich das Verteidigungsmittel, das am besten auf weitere Distanzen (3-7m) eingesetzt werden kann.

 

Was also tun im „worst case scenario“, wenn man mitten in einer Gruppe von 10 gewaltbereiten Menschen steht und die Bedrohung deutlich wird? Ich trage immer ein Messer bei mir. Im Falle dessen, dass eine massive Bedrohung für mein Leib und Leben besteht (und darunter rechne ich eine drohende Vergewaltigung auch, selbst wenn ich damit nicht ganz mit deutschem Gesetz konform gehe, das dieses Verbrechen immer noch eher wie ein „Kavaliersdelikt“ behandelt), müsste ich im Falle dieser Überzahl zu einem drastischen Mittel greifen, mir einen der Typen schnappen, festhalten und das Messer an die Kehle setzen. Und darauf hoffen, dass die anderen verstehen, dass ich es bitter ernst meine und zurück bleiben, während ich mich mit meiner „Geisel“ wegbewege, um dann irgendwann fliehen zu können. Die Probleme, die sich dabei ergeben können, liegen auf der Hand: Kann ich mein Vorhaben überhaupt durchziehen? Das Messer kann mir abgenommen, aus der Hand gerissen werden, gegen mich verwendet werden. Zudem muss die Gruppe auch glauben, dass ich es ernst meine, und nicht darauf vertrauen, dass sie mich in ihrer Überlegenheit ohnehin überwältigt, ich müsste es wirklich benutzen (wollen) und die Konsequenzen wären in jedem Fall unschön.
Was wäre, wenn ich eine Schusswaffe hätte? Man darf eine Schusswaffe nicht als ein Wundermittel ansehen. Wenn ich innerhalb der Gruppe stehen würde, müsste ich auch erst mal einen „Überraschungsangriff“ machen, versuchen, außerhalb der Gruppe zum Stehen zu kommen, um die Waffe ziehen und sie zur Verteidigung einsetzen zu können.  Aber mit einer Schusswaffe hätte ich bestimmt einen besseren Stand, mir die Angreifer vom Leib zu halten, als mit einem Messer. Die Letalitätsrate ist bei Messerstichen höher als bei Schusswaffen, mit einer Schusswaffe sind die Chancen höher, dass die Situation ohne Verletzte oder Tote beendet wird: Die Distanz, aus der verteidigt werden kann, ist größer, zudem können schneller und einfacher mehrere Angreifer bekämpft werden. Das sollte die Angreifer, die ja gerne einfache Opfer suchen, dazu veranlassen, von ihrem Angriff abzulassen.

 

Aber wie schon erwähnt, eine Schusswaffe ist keine magische Wunderwaffe. Ebensowenig wie es ausreicht, sich einen Kubotan zu kaufen oder mal eben ein 10h-Kurs in Selbstverteidigung zu absolvieren, würde es ausreichen, sich eine Schusswaffe zu kaufen (wir nehmen mal an, das wäre in Deutschland mit demselben Aufwand möglich wie in den USA). Man muss als erstes den sicheren Umgang mit einer Schusswaffe lernen, damit man nicht zu einer (unbeabsichtigten) Gefahr für sich und andere wird. Dann natürlich das Training. Falls man sie in höchster Not einsetzen muss, sollte man möglichst auch treffen. Dazu bedarf es des Trainings (wobei man im Gegensatz zum Kampfsport nicht in derselben hohen Frequenz trainieren muss). Ich will nicht im Einzelnen erläutern, was man alles wissen sollte, wenn man eine Schusswaffe zur Selbstverteidigung haben wollen würde: Wer sich ein Bild davon machen möchte, sollte sich die diversen Blogs für Frauen mit Schusswaffen ansehen, die alle Themen sehr detailliert und für Anfänger verständlich darlegen (ich habe dazu einen Blogbeitrag geschrieben: „’Genau wie ihr (Männer), nur schöner’ – Frauen bloggen über Waffen und Schießen in den USA“).

Zudem: sich bewaffnet am Wochenende in den Clubs zusaufen? Ist nicht drin – eine Schusswaffe würde den Lifestyle so einiger von Grund auf verändern. Dazu müsste man erst mal bereit sein.

 

Ich habe oben gefragt: Würde es diesen Markt (Schusswaffen zur Selbstverteidigung) bei uns in Deutschland geben, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen es zulassen würden? Wie steht es um die Selbstverteidigung mit Schusswaffe bei Frauen?

Ich denke, die wenigsten deutschen Waffenbesitzer würden auf die Idee kommen zu fordern, dass Schusswaffen wie Handys oder Messer im Laden zu kaufen sein sollten. Dazu sind wir doch viel zu brav und ordentlich. Und zu verantwortungsbewusst. Wenn ich von meinem amerikanischen Freund so höre, wie wenig verantwortungsbewusst – meist aus schierer Ignoranz und Dummheit – dort ein Teil der Waffenbesitzer ist, so sind die Hürden in Deutschland – geeignet, sachkundig, zuverlässig – grundsätzlich angebracht. Wie er gerne sagt: auch zum Autofahren muss man ja eine (in den USA sehr geringe) Hürde für den Führerschein nehmen.

Wie heißt es so schön: Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Wer eine Schusswaffe verantwortungsbewusst führt oder führen will, der macht sich viele Gedanken, denn unter Umständen muss er oder sie wirklich seinen/ihren Lifestyle grundlegend verändern. Otto Normalbürger würde das wahrscheinlich nicht wollen und sieht wahrscheinlich nicht die Notwendigkeit dazu. Aber was ist

mit Menschen, speziell auch Frauen, welche die Notwendigkeit sehen, weil sie sich durch gewisse Umstände bedroht fühlen (ein gewalttätiger Ex, eine unsichere Umgebung)? Nach heutigem Stand der Dinge würden sie in 99,99% der Fälle kein Bedürfnis für einen Waffenschein anerkannt bekommen. Man würde auf die Polizei als Schutzkraft verweisen – schade nur, dass die in der Regel erst eintrifft, wenn das Unglück schon geschehen ist und nur noch Kreidelinien malt…

Hätten diese denn nicht das Recht, sich adäquat selbst verteidigen zu dürfen – mit einer Schusswaffe?

Ich denke, wenn die Möglichkeit in Deutschland bestehen würde, Schusswaffen unter gewissen Auflagen und Bedingungen zu führen, dass sich nur die eine zulegen würden, die einen guten Grund dafür haben oder diejenigen, die ohnehin schon „waffen-affin“ sind (beispielsweise auch Sicherheitskräfte). Ich halte es bei der heutigen Mentalität der Deutschen für abwegig, dass im Falle einer Änderung alle wie wild die Waffenläden stürmen. Und eines muss auch klar sein: Die Lizenz zum Töten wird da schließlich nicht mitgeliefert, Mord, Totschlag und Körperverletzung sind und bleiben Straftaten, egal, wie das Waffengesetz aussieht!

 

Nach diesem – zugegeben nur sehr kurzen und die Argumente keineswegs erschöpfenden – Plädoyer für die Möglichkeit der Selbstverteidigung durch Schusswaffen (übrigens für Männer wie Frauen!), möchte ich aber etwas anderes nicht unerwähnt lassen: In der Mehrzahl der Fälle, in denen Frauen Gewalt angetan wird, geht diese vom Partner oder einem anderen, der Frau nahe stehenden Mann aus – und da hier eine Nähe zwischen Opfer und Täter besteht, lassen sich diese Probleme, die oft sehr vielschichtig sind, nicht einfach dadurch lösen, dass das Opfer eine Schusswaffe hat. Die wenigsten Frauen würden ihren gewalttätigen Ehemann erschießen, auch wenn sie womöglich selbst getötet werden. Diese Problematik  hat Caitlin Kelly in ihrem Buch „Blown Away“ sehr schön dargestellt (zu diesem Buch gibt es auch eine Rezension auf meinem Blog), aber auch im Blog von Katja Triebel findet sich dazu der ein oder andere Beitrag.

 

Aber kann das ein Argument sein, sich nicht gegen den „bösen Unbekannten“ verteidigen zu können? – Ich denke nicht.

 

 

2 thoughts on “Selbstverteidigung aus weiblicher Sicht

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