Schießen in den USA

22 Jul

Ein sehr guter Freund von mir, Waffenliebhaber par Exellence, lebt in den USA. Er nennt über 100 Schusswaffen, Kurz- und Langwaffen, sein Eigen, sammelt und tauscht. Ja, ab und zu schießt er sie auch. Bis letzten April habe ich nur Bilder, beispielsweise seiner Neuerwerbungen, zu Gesicht bekommen. Im April 2013 dann konnte ich die Sammlung live in Augenschein nehmen und die ein oder andere Waffe auch schießen.

 

Auch wenn in den Medien hierzulande öfters mal der Eindruck erweckt wird, dass alle Amerikaner ihre Waffen durchgeladen überall im Haus herumstehen haben, so kann ich sagen: bei denen, die ich kennen gelernt habe, stehen die Waffen in Waffenschränken, ebenso wie die Munition. Die, die verdeckt getragen werden, sind natürlich am Mann/an der Frau und nachts in Greifnähe. Ich hatte die große Ehre, im Kellerzimmer bei den Waffenschränken schlafen zu dürfen. Ich witzelte, dass ich mich im Falle eines Einbruchs wohl nicht für eine Waffe entscheiden können würde….

Ein grundlegender Unterschied zu Deutschland war, dass die Regel „jede Waffe ist geladen“ auch bei Waffen in Schränken sehr Ernst genommen werden sollte – ca. die Hälfte der Waffen stand oder lag geladen im Waffenschrank. Das erinnerte mich an den Spruch eines Ausbilders: „der natürliche Zustand einer Waffe ist ‚geladen’!“ Hier wurden die Waffen also sehr natürlich „gehalten“.

 

Mein Freund wohnt in einer Kleinstadt in North Carolina. „Kleinstadt“ erweckt hier bei Deutschen vielleicht einen falschen Eindruck, denn auch wenn es so etwas wie Stadtkern (aus dem letzten Jahrhundert oder dem davor) gab, so empfand ich es eher als ländlich: lose, weit auseinander gezogene Wohngebiete aus Einfamilienhäusern mit Gärten drum herum, die allesamt deutlich größer waren als der deutsche Durchschnittsgarten. In seinem Garten haben wir, eigentlich mehr Aufpasser für die mit dem Cricket (KK-Gewehr in Kindergröße) schießenden Kinder, auch geschossen. Dazu waren Steel Targets (die sich drehten, wippten, wackelten), Scheiben, Plastikflaschen und altes Kinderspielzeug in 10-30m Entfernung aufgestellt. Auch wenn so ein Cricket für einen Erwachsenen eigentlich zu klein ist, macht es Spaß, mit so einem Mini-Gewehr zu schießen, ansonsten hatten wir noch ein AK-Nachbau in Kleinkaliber.

Obwohl North Carolina zu den Südstaaten gehört, ist es dennoch nicht völlig ok, im eigenen Garten mit Kleinkaliber zu schießen, wenn sich ein Nachbar bei der Polizei beschwert, wird der Sheriff mal vorbeischauen. (Allerdings wird deswegen nicht gleich ein SWAT-Team losgeschickt, so, wie bei uns manchmal das SEK wegen Gas- oder CO2-Waffen ausrückt…) Es sei denn, das Grundstück ist so groß, dass es eh niemand mitbekommt.

 

Nun wollten wir aber nicht nur mit Kleinkaliber schießen, sondern ich wollte durchaus das ein oder andere Großkaliber-Modell ausprobieren – dazu war dann auch die Fahrt zum Schießstand notwendig. Es gibt in den USA geschlossene Clubs, wo man nur als Mitglied schießen kann, oder auch öffentliche Schießstände, wo man pro Stunde bezahlt. Nachdem das Wetter gut war und der nächste Stand eine Outdoor-Range war, fuhren wir zu dieser. Wer jetzt meint, dass wir da in voller Taktik-Ausrüstung mit AR 15 und Kurzwaffe zum Stand kamen und wild rennend, kniend und liegend auf Mannscheiben geschossen haben – der irrt. Ok, auf Mannscheiben haben wir teilweise geschossen, aber das andere hätten wir wohl auch nicht gemacht, wenn wir gekonnt hätten – man hätte es auch schlichtweg nicht dürfen. Die Betreiber von kommerziellen Schießständen wollen sich natürlich absichern gegen Regressansprüche – und sie scheinen ihre Pappenheimer zu kennen: mehrfach sah ich ein Schild mit der Aufschrift „No horse-playing“ („keinen Quatsch machen“. Ich würde es besser noch mit „Nicht Rumbubeln“ übersetzen, aber das wird wohl gesamtdeutsch nicht so recht verstandenJ) an den Schießbahnen hängen. Das hieß an den Langwaffenständen am Tisch sitzen und von dieser Position aus schießen. Hm, kam mir ein bisschen Altherren-mäßig vor, aber gut, um für mich neue und unbekannte Waffen auszuprobieren, war es ok. Tatsächlich waren auch ein paar ältere Herren zum Schießen da, die mich interessiert beäugten (ich meine jetzt in der Art, dass ich als schießende Frau für die ein Kuriosum war) und noch interessierter und ein wenig erstaunt schauten, als wir zur Trefferaufnahme vorgingen und sie mein Resultat sahen. Der eine meinte: „Scheiße Mann, bei Dir möchte ich nicht in der Ziellinie stehen…“. Mein Kumpel meinte später, dass, auch wenn Medien und Netz viel über den Vormarsch schießender Frauen in den USA berichten, es vielen Männern immer noch seltsam erscheint, wenn Frauen schießen – und dann auch noch gut. Aber eigentlich waren das recht lustige Typen, der eine war – natürlich – als junger Mann bei der Army eine Zeit lang in Deutschland stationiert gewesen. Er hatte sich sein M1 erst gekauft gehabt, wie er lächelnd sagte: „um für die Zombieapokalypse gerüstet zu sein….“ Wir lachten, worauf er meinte: „super, ihr habt Humor, als ich das bei Walmart beim Munitionskauf erwähnte, schaute mich der junge Mann ganz komisch an…wobei seine ältere Kollegin sich darüber schlapp gelacht hat…!“.

Ich durfte da jedenfalls ein SKS (mit Bajonett dran), ein G3-Nachbau, ein AR 10 und das Schmuckstück meines Kumpels, eine Savage Arms 110 BA in .338 Lapua Magnum ausprobieren. Für letztere war zwar die längste mögliche Schießdistanz von 100m ein Witz, aber was will man machen, es gab keine längere Bahn.

Nochmal zurück zu „kein Quatsch machen“: der Schießstandbetreiber hatte uns zu Anfang durchaus etwas genauer beäugt und beobachtet, aber als er feststellte, dass wir sehr ruhige Zeitgenossen waren, die die Sicherheitsregeln beachten, ernsthaft schießen und kein Quatsch machen, ließ er uns beim nächsten Mal, als wir dort waren und niemand sonst, sogar alleine. „Hey, ich muss mal für 20 Minuten weg, wenn jemand kommt, sagt ihm, dass ich bald wieder da bin…“ sprach er und fuhr mit seinem Pick-up davon – Redneck halt. J

 

Mein Kumpel hat einen Freund, der, sagen wir mal, recht begütert ist. Auf seinem großen Anwesen hat er eine 600 Yard-Schießbahn. Aber schon der „Vorgarten“ ist so groß, dass man da bequem mit Kurzwaffen schießen kann, zudem stehen Tierattrappen aus Kunststoff zum Bogenschießen. Wir haben im Vorgarten mit Kurzwaffen geschossen, ich hatte mindestens 10 in der Hand, kann mich auch nicht mehr an alles erinnern. Es waren aber definitiv ein Revolver in .44 Magnum, eine Luger von 1938, eine AR-Pistole und die Waffe, die mein Kumpel führt, eine Springfield XD in .40 mit Ziellaser, dabei. Die Ziele wären in Deutschland auch verboten gewesen, 3D-Zombie Targets, die mit Paintball-Kugeln gefüllt waren, so dass die in Neonfarben „bluten“, wenn man öfter auf dieselbe Stelle schießt. Schade war, dass wir nicht mehr genug Zeit hatten, auf die 600 Yard-Bahn mit Langwaffen zu gehen: mir war versprochen worden, .50 BMG auf Tanerite zu schießen….aber, hey, ich habe so schon einen sehr guten Grund, wieder dorthin zurück zu gehen! J Wer nun denkt, der Typ sei ein reicher Irrer gewesen, der irrt sich: Michael ist Zahnarzt und Unfallchirurg, der eine Familie hat, Bienen züchtet und einige Hunde hält, ehemalige ausgesetzte Hunde, die er bei sich aufnimmt. Eines seiner Hobbys ist nun mal auch, dass er es liebt, wenn es „Bumm“ macht.

 

Auch erwähnenswert fand ich den Walmart-Einkauf. Für deutsche Verhältnisse ist es schon kurios, dass es im Supermarkt einen Abschnitt gibt, in dem Waffen, Waffenzubehör und Munition verkauft wird. Es hat mich aber genauso entzückt wie das Pferde-Equipment im Münsterland in einigen Supermärkten. Leider war damals noch die Munitionsknappheit auf ihrem Höhepunkt: was da angeboten wurde, war kläglich, besonders die Regale mit .22 cal war wie leergefegt. Andere, kleinere Waffengeschäfte, die wir besuchten, erinnerten ein wenig an Läden zu Zeiten des Kommunismus: traurige Leere in den Regalen…

 

Ich kann über diesen Aufenthalt jedenfalls sagen, dass ich Spaß hatte (das Hauptziel der Reise war ja auch nicht unbedingt das Schießen gewesen, sondern meinen Kumpel zu besuchen), viele mir unbekannte Waffen in der Hand halten und teilweise auch schießen konnte und ansonsten auf ein paar Ziele und mit Ausrüstung (Ziellaser) schießen konnte, die in Deutschland definitiv verboten gewesen wären. Aber es war wesentlich unspektakulärer, als der deutsche Medienzirkus einem weiß machen will: klar gibt es in der Wüste von Arizona einen Anbieter, bei dem man Maschinengewehre und Gatlins schießen kann (wenn man es zahlen kann!) oder auch das 3-jährige Töchterchen ans MG darf – aber Normalität ist das nicht. Auch wenn man in den USA „dynamisch/taktisch“ schießen darf und das bei bestimmten Ausbildern wie Viking Tactics, James Yeager oder Chris Costa auch gelehrt bekommt, so schießt die Mehrzahl der Amerikaner ganz „langweilig“ (oder eher gechilled?) statisch und auf ganz normale Scheiben mit Ringen. Und bewahrt seine Waffen auf verantwortungsvolle Weise auf. Hm, leider kann man damit keine reißerische Quote erreichen. Ich werde mich also damit abfinden müssen, dass meine Leser sich hiermit gelangweilt haben und ich nur ein paar wenige Freunde erreiche….

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