Notwehr: Was darf ich an freien Waffen besitzen und führen? Der „Ratgeber freie Waffen“ von T.C.A. Greilich gibt Auskunft

14 Apr

Nicht erst seit den Übergriffen in Köln und anderen deutschen Städten fragt sich mancher Bürger ohne bisherige Berührungspunkte mit dem deutschen Waffengesetz, was er denn zur Verteidigung seines Leib und Lebens besitzen und führen darf. Wobei – dem gänzlich Unbedarften ist unter Umständen nicht einmal klar, dass ein Unterschied zwischen Besitz und Führen besteht. Denn das deutsche Waffengesetz ist so umfangreich und teilweise so schwammig, dass a.) man in der Regel eine entsprechende Schulung braucht, um es zu verstehen und b.) trotz entsprechender Schulung es dennoch zu Unstimmigkeiten mit Behörden und Behördenvertretern kommen kann.

Im Prinzip ist das Waffengesetz so angelegt, dass bei strenger Auslegung – wenn es Behörden und deren Vertretern so passt – alles zur Selbstverteidigung und zur Abwehr und Schutz Geeignete als gegen das Waffengesetz verstoßend ausgelegt werden kann.

Dies sollte im Vorfeld klar sein, wenn ich im Folgenden ein neu erschienenes Buch vorstelle, das dazu geeignet ist, interessierten Neulingen auf diesem Gebiet einen verständlichen Ratgeber an die Hand zu geben, der eine Übersicht über die freien Waffen bietet.

Der 100 Seiten lange Ratgeber hat ein sehr schönes Layout, das durch das farbliche Absetzen der einzelnen Teile einen schnellen Überblick und Vergleich ermöglicht. Der umfangreiche Hauptteil „freie Waffen“ wird durch die Abschnitte „Grundbegriffe“, „Gewaltvermeidung/Hilferuf/Flucht“, „Fesselungsmittel“, „Schutzwaffen/-ausrüstung“ und „scharfe Waffen im Sportschießen“ ergänzt.

In „Grundbegriffe“ wird erklärt, was freie Waffen überhaupt sind (Definition), wer sie erwerben und führen darf (und wann) und – ganz wichtig! – wann sie eingesetzt werden dürfen: Hier wird das Notwehrrecht erläutert. Der darauf folgende Abschnitt Gewaltvermeidung/Hilferuf/Flucht legt zunächst mal die Flucht im Falle eines Angriffs nahe, sofern sie möglich ist, denn das ist vom deutschen Gesetz her nun mal so vorgesehen (keine „stand your ground“- Gesetzgebung wie in einigen amerikanischen Bundesstaaten). Der Hauptteil „freie Waffen“ gliedert sich in die Unterkategorien „Nahkampfwaffen“ (Schlagwaffen, Hieb- und Stichwaffen), „Fernwaffen“ (Wurf- und Schleuderwaffen, Bogenwaffen, Schusswaffen) und sonstige freie Waffen unterteilt. Die einzelnen Gegenstände sind kurz beschrieben, es folgt eine Zeichnung des betreffenden Gegenstandes und „Rechtliches“ in einem roten Kasten. Hier finden sich Hinweise, ob es sich um eine Waffe im Sinne des Waffengesetzes handelt, wann Erwerb und Besitz möglich sind, ob Führen erlaubt ist und Hinweise zu Transport und Aufbewahrung – jeweils mit den passenden Paragraphen- und Abschnittangaben des Waffengesetzes.

Doppelseite

Wenn es Weiteres zu beachten gibt, findet man dies in einem weißen Kasten, der mit „Beachte“ überschrieben ist. Auch komplett verbotene Gegenstände wie Butterfly-Messer, Wurfstern oder Nunchaku sind der Vollständigkeit halber aufgenommen, es prangt aber neben der Zeichnung ein „Verboten“ – Stempel. Es ist meiner Meinung nach sinnvoll, diese Gegenstände auch aufgeführt zu haben, denn ich bin sicher, dass in so einigen Haushalten diese in den 80er-Jahren noch erwerb- und führbaren Waffen noch vorhanden sind.  Aber mal von solch „Altlasten“ in manchen Haushalten abgesehen, die womöglich die unbedarfte Tante Erna verleiten könnten, einen verbotenen Gegenstand zum Schutz mit sich zu führen, so stellt sich meist eher die Frage, ob ein Gegenstand geführt werden darf oder nicht, denn wer bei einem seriösen Händler einkauft, der läuft gar nicht erst Gefahr, einen verbotenen Gegenstand zu erwerben (weil die ein seriöser Händler naturgemäß nicht oder nur Erwerbsberechtigten verkauft).

Sehr aufschlussreich ist auch der Abschnitt über Schutzausrüstung: Schutzwesten, Schnittschutz-Handschuhe, Protektoren, ja sogar Lederhosen sind nach §17a des Versammlungsgesetzes verboten, denn sie heben nach Ansicht des Gesetzgebers die Gewaltbereitschaft des Trägers hervor. Denn sie sind als „Schutzwaffen geeignet (…), Vollstreckungsmaßnahmen eines Trägers von Hoheitsbefugnissen abzuwehren“. Der „normale“ Lederhosenträger wird nun in der Regel bei Versammlungen nicht genötigt, seine Hose auszuziehen, aber bei Bedarf kann der eigene Schutz eben auch als „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ gedeutet werden. Das geht so weit, dass der gewöhnliche Zivilist es schwer hat, eine qualitativ hochwertige schusssichere Weste zu erwerben. Es gibt zwar kein Gesetz, das den Verkauf von Schutzwesten reglementiert, dennoch zieren sich Händler und Hersteller  – aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Behörden? – einfach so schusssichere Westen zu verkaufen.

Der Ratgeber zeigt auch sehr schön an manchen Gegenständen („Verteidigungsregenschirm“) auf, dass oft einfach Einfallsreichtum gefragt ist – fast alles kann letztlich als Waffe gegen Angreifer eingesetzt werden, sei es ein Schlüssel oder der Absatz eines High Heels. Manch eine Verteidigungswaffe ergibt sich aus der speziellen Situation: Als Reiterin hatte ich früher bei Ausritten (in Süddeutschland, aber gerade auch in Ägypten, wo ich auch immer mal wieder zu Pferd unterwegs war) immer eine Reitgerte dabei. Nicht, weil ich die für die Pferde gebraucht hätte (sowohl bei meinem Pferd wie auch bei arabischen Vollblütern brauchte und braucht man eher eine gute Bremse), sondern um mich bei Bedarf gegen einen Menschen – und das idealer Weise vom Pferd aus – verteidigen zu können. In Ägypten hatte ich die Gerte mehr als ein Mal schon zum Schlag erhoben, um aufdringlichen Männern klar zu machen, dass ein Schritt weiter schmerzhafte Folgen haben könnte…Reitgerten sind in diesem Ratgeber übrigens nicht aufgeführt, machen aber auch einen verdächtigen oder zumindest seltsamen Eindruck, wenn man ohne Pferd unterwegs ist.

 

Fazit: Das Buch bietet einen sehr schönen Überblick und einfachen Einstieg in das Thema freie Waffen und schließt durchaus eine Lücke. Der Sportschütze oder Sicherheits- und Selbstverteidigungscrack wird darin wahrscheinlich nicht viel Neues finden, wobei auch für ihn ein schneller Zugriff auf die entsprechenden Paragraphen sinnvoll sein kann. Aber diesen empfehle ich das Buch als Geschenk oder Weiterempfehlung an Familie, Freunde und Bekannte, die Neulinge auf diesem Gebiet sind. Denn gerade, dass vieles sehr vereinfacht dargestellt ist, ermöglich so den Zugang für Neulinge, auch wenn Kritiker hier vielleicht einwerfen möchten, dass die Sache doch eigentlich komplizierter sei und hier somit nicht korrekt dargestellt.

Deswegen möchte ich nun auch nicht auf kleinere Fehler oder Ungenauigkeiten eingehen, die mir aufgefallen sind. Das ein oder andere ließe sich in einer 2. Auflage leicht korrigieren.

Des Weiteren könnte ich mir das Buch als zusätzliches Lehrmittel und Hilfe bei der Schulung von angehenden Sicherheitsmitarbeitern nach §34a GeWO vorstellen, da ich aus eigener Lehrerfahrung weiß, dass dieses Thema in den Lehrbüchern zu knapp abgehandelt wird, aber die meisten Teilnehmer durchaus interessiert.

 

Mich hat interessiert, ob der Autor diesen Ratgeber im Zuge der Vorfälle in Köln verfasst hat, aber laut Aussage des Autors hat er durchaus vorher schon eine veränderte Sicherheitslage wahrgenommen und begonnen zu recherchieren, was man von Gesetz wegen eigentlich haben und führen dürfte. Der Entwurf des Buches war also bereits vor „Köln“ fertig gestellt. Eine treibende Kraft hierzu war auch die Sorge um Frau und Töchter, die vielleicht erklärt, warum alle bislang verfügbaren Memes zum Buch Frauen zeigen.

 

Der Autor hat übrigens ganz bewusst auf  Fotos und somit auch die Bewerbung einzelner Produkte oder Marken verzichtet. Wer sich über Hersteller und Marken informieren möchte, sollte dies bei Händlern oder einschlägigen Blogs und Foren tun.

Zu dem Buch existiert eine eigene Webseite, wo auch Verkaufsstellen genannt sind. Einige Waffenhändler haben das Buch in ihrem Sortiment.

T.C.A. Greilich: „Ratgeber freie Waffen“. Ortenberg, 2016.

SilvestergibtsFeuerwerk

 

Zwei weitere Memes finden sich noch auf der Webseite.

8 thoughts on “Notwehr: Was darf ich an freien Waffen besitzen und führen? Der „Ratgeber freie Waffen“ von T.C.A. Greilich gibt Auskunft

  1. „Der darauf folgende Abschnitt Gewaltvermeidung/Hilferuf/Flucht legt zunächst mal die Flucht im Falle eines Angriffs nahe, sofern sie möglich ist, denn das ist vom deutschen Gesetz her nun mal so vorgesehen (keine „stand your ground“- Gesetzgebung wie in einigen amerikanischen Bundesstaaten).“

    Das ist Unsinn. Im deutschen Notwehrrecht gilt der Grundsatz, dass Recht dem Unrecht nicht zu weichen braucht. Und es gibt auch keine willkürlichen Einschränkungen, dass man nur seinen „ground“ verteidigen darf, sondern darf z. B. auch seine Ehre verteidigen. Wer’s bezweifelt, möge einfach mal in einem Strafrechtskommentar nachschlagen. (Bin selber kein Jurist.)

    • Stimmt schon. Nur Polizei und Politiker empfehlen Flucht oder williges Opfertum. Das Gesetz verlangt das nicht.

      §34 StGB – Rechtfertigender Notstand

      Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.

        • Was unter Notstand steht, ist auch notwehrfähig (Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut). So zumindest hat es mir jemand erklärt, der’s wissen sollte ^_^

          Aber Sie haben recht. Die Auslegung vor Gericht ist diejenige, die zählt.

  2. Lieber Herr Leske! Damit haben sie, in allen Punkten, vollkommen Recht. Nur bringt das absolut gar nicht. Die Justiz hat dieses schon lange über den Haufen geworfen und urteilt wie sie grade Laune hat. Und sowas wie „das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen“, das mögen die mal gar nicht. Da gehen sie mit der ganz groben Klatsche vor. Von deutschen Gerichten wird nur noch, in nahezu allen Fallen berechtigter Notwehr, das Recht gebeugt, das sich die Balken biegen. Bringt also gar nichts, hier die „eigentlich“ mal angedachten Rechtsgrundlagen zu zitieren. Diese interessieren hier keinen Richter mehr. Und ganz schlimm wird es dann, wenn eine Schußwaffe zum Einsatz kam. Dann werden Exempel statuiert………….
    Habe die Ehre!

  3. Kein linksgrünes Gericht in Deutschland (und das sind leider alle, voll von pseudo-pazifistischen Idioten die sich durch ihr Studium durchgekifft haben) wird euer Recht auf Leben für wichtiger erachten als das eines armen Täters aus der sozialen Unterschicht mit einem bewegend (dämlichen) Lebenslauf, randvoll mit anderen Verbrechen, der vermutlich auch noch einer totaaaal ausgegrenzten Minderheit angehört.
    Auf befriedetem Grund kann man nur einen Tipp geben: Leichen machen keine falsche Aussage gegen euch, ihr sagt auch nichts, euer Anwalt sagt es war Notwehr. Damit hat man vor Gericht immer noch mehr Chancen als wenn irgendein Serieneinbrecher behauptet er wollte nur helfen weil er etwas gehört hat und ihr habt ihn verprügelt. In Hamburg sind zum Beispiel genau 0 von 89 letztes Jahr verhafteten Serieneinbrechern im Gefängnis.

    • Auf offener Straße? Laufen. Sowohl dem Täter als auch dem Gericht seid ihr und eure Rechte herzlich egal, selbst wenn man einem fremden das Leben vor 5 besoffenen Schlägern rettet fährt man ein. Und wenn laufen nicht möglich ist seht zu dass ihr dem Verbrecher ordentlich wehtut, denn das wird euch für eine lange Zeit die letzte Genugtuung sein. Ihr landet damit so oder so vor Gericht, der Täter wahrscheinlich nur als Kläger um Schmerzensgeld, also seht zu dass er von euch genug gestraft wurde.
      Das ist nicht schön, aber leider die Realität in diesem wunderschönen „Rechtsstaat“ und „Einwanderungsland“.

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