Muss ich bei einem verwundeten Angreifer Erste Hilfe leisten?

17 Mai

Vor kurzem rezensierte ich das Buch „Home Defense“ von Andrea Micheli. Kapitel 14 beschäftigt sich mit Erste-Hilfe-Maßnahmen. Es wäre wünschenswert, wenn derjenige, der sich mit Heimverteidigung oder Selbstverteidigung im Allgemeinen auseinandersetzt, auch über entsprechendes Wissen und Ausrüstung verfügt, um im Ernstfall sich selbst oder seine Angehörigen versorgen zu können.

 

Und was ist mit dem Täter, der eventuell von mir verletzt wurde?

 

Diese Frage stellt sich nicht nur bei Schusswaffengebrauch, sondern auch bei der Verwendung anderer Waffen/Werkzeuge oder der Fäuste.

 

In „Home Defense“ steht dazu: „Bevor wir uns dem medizinischen Detail widmen, hier einige rechtliche und taktische Aspekte, die zu diesem Thema relevant sind: Abgesehen von den Angehörigen, denen man selbstverständlich sofort zur Hilfe eilen würde, hat auch der Täter ein Recht auf Erste Hilfe. Selbst wenn dieser während des Einbruchs verletzt wurde.

Dieses Recht beruht auf der so genannten Nothilfepflicht.  Jedermann hat entsprechend seinen Fähigkeiten und Kenntnissen unverzüglich alles Erforderliche zu tun, um einen in Lebensgefahr schwebenden Menschen zu helfen. (…)“

Und weiter unten: „Was die taktische Seite anbelangt, gelten zu einem gewissen Grad dieselben Regeln, wie sie in einem militärischen oder Polizeiumfeld bei der so genannten taktischen Ersten Hilfe zur Anwendung kommen. (…) Die eigene Sicherheit steht jedoch immer im Vordergrund.

 

Ich möchte hier, auch wegen eventueller Irritation bezüglich der Formulierung, nochmals darauf hinweisen, dass der Autor aus der Schweiz stammt und sich auf das Schweizer Recht bezieht. Ich komme auf diese Aussagen und den deutschen Paragraphen dazu nochmals zurück, möchte aber nun erst mal einen Beitrag eines amerikanischen Polizisten und Erste-Hilfe-Instruktors zu diesem Thema wiedergeben:

 

Soll ich bei einem Angreifer, den ich gerade beschossen habe, erste Hilfe leisten?

 

„Ich hatte eine interessante Frage, die mir ein Schüler in der „Systems Collapse Medical Class“ gestellt hat, die ich letzte Woche in Virginia unterrichtet habe. Er fragte mich:

„Wenn ich einen Kriminellen bei einem Feuerkampf anschieße, soll ich dann Erste Hilfe leisten, bevor die Rettungssanitäter eintreffen?“

 

Das ist eine gute Frage. Ich werde wahrscheinlich mit meiner Antwort einige vor den Kopf stoßen, aber ich bleibe dabei, dass ein bewaffneter Bürger sich einem Verdächtigen, den er gerade angeschossen hat, NICHT NÄHERN SOLL um Erste Hilfe zu leisten.

 

Es ist schlichtweg zu gefährlich. Der Kriminelle könnte sich tot stellen, um dich näher ran zu locken, so dass er seinen Angriff fortsetzen kann. Es könnte ein Trick sein, damit der Kriminelle dir deine Waffe abnehmen kann. Auch wenn die Waffe des Verbrechers außerhalb seiner Reichweite ist, hält ihn nichts davon ab seine Zweitwaffe oder ein Messer zu ziehen. Wir wissen, dass Schwerkriminelle oft mehr als eine Waffe am Körper tragen, wenn sie Verbrechen begehen. 

 

Wenn du je schon einmal an irgend einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen hast, dann war eines der ersten Dinge, die du gelernt hast, eine Sicherheitsprüfung des Schauplatzes vorzunehmen.

Auf der Rote Kreuz -Webseite finden sich folgende Anweisungen:

“Schritt Eins:

 

Bevor man eine kranke oder verletzte Person versorgt, überprüfe den Schauplatz und die Person.  Schätze die Umgebung ein und bilde dir einen ersten Eindruck.

Halte inne und schau dir den Schauplatz und die Person an, bevor du reagierst. Beantworte dir folgende Fragen:

– Ist der Schauplatz sicher, um betreten zu werden?

–Was ist passiert?

– Wie viele Personen sind involviert?

– Was ist mein erster Eindruck über Art der Krankheit oder Verletzung der Person? Ist die Person in einem lebensgefährlichen Zustand wie beispielsweise eine lebensbedrohliche Blutung?

– Ist irgend jemand da um zu helfen?”

 

Die allererste Frage, die beantwortet werden soll ist: „Ist der Schauplatz sicher, um betreten zu werden?“ Ich bleibe dabei, einen Schauplatz zu betreten, wo ein Bewaffneter (der gerade versucht hat dich umzubringen) verletzt herum liegt, ist NICHT SICHER, EGAL WELCHE ART DER AUSWERTUNG MAN ANSETZT!

Die wichtigste Pflicht des Ersthelfers ist es zu vermeiden, dass noch mehr Leute durch unbesonnenes Verhalten zu Schaden kommen. Indem man Hand an einen Gewalttäter anlegt, der vielleicht oder auch nicht versucht, dich in den sicheren Tod zu locken, ist ein Patentrezept dafür genau das zu tun. Du kannst einfach nicht zur selben Zeit dich selbst schützen und Hilfe leisten. Neben dem Hauptverdächtigen bist du nämlich auch extrem angreifbar durch seine Komplizen, nämlich wenn deine Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, medizinische Erstversorgung zu leisten. Das ist eine schlechte Idee.

Wenn es zu einem Schusswechsel aus Notwehr kommt, dann suche Deckung und zwar so, dass du den Angreifer, der am Boden liegt, im Auge behalten kannst und lass deine Waffe auf ihn gerichtet, falls er beschließen sollte seinen Angriff fortzusetzen. Ruf die Polizei und sag ihnen, dass jemand angeschossen wurde. Fordere einen Rettungswagen an. Das ist das Sicherste, was du tun kannst, damit es vor Gericht als „vernünftig“ angesehen wird.

Wenn Du mehr tun willst, dass weise den Verdächtigen dazu an auf seine Wunde zu liegen und sie auf den Boden zu drücken, um direkten Druck auf die Wunde zu bringen. Du kannst ihm ein Handtuch oder ein Kleidungsstück zuwerfen, mit dem er die Blutung stillen kann, wenn du willst. Aber nur wenn du es tun kannst, ohne den Blick von dem Angreifer wenden zu müssen. Gib ihm verbal Instruktionen, wie er eine ernsthafte Blutung, die er haben könnte, stoppen kann. Das ist so weit wie ich gehen würde.

 

Denke folgendermaßen darüber: Wenn die Polizisten kommen, um den Kriminellen zu verhaften, dann werden sie Teamtaktiken benutzen und mindestens ein Beamter wird Deckung geben, während ein anderer sich nähert. Wenn ich als erster am Tatort wäre, würde ich warten, bis mindestens ein weiterer Polizist da wäre, um mir Deckung zu geben, bevor ich mich dem bewaffneten Verdächtigen nähern würde – egal ob dieser verletzt ist oder nicht. Wenn ich mich nicht wohl dabei fühle, den verletzten Angreifer zu versorgen ohne dass ein bewaffneter Kollege mir Deckung gibt, dass solltest du dich bestimmt auch nicht sicher fühlen, wenn du ihm allein Erste Hilfe leisten willst.

Ich bin Polizist und Erste-Hilfe-Ausbilder. Ich bin kein Anwalt. Deswegen solltest du das nicht als rechtlichen Rat auffassen. Ich lege nur dar, wie ich mich in so einer Situation verhalten würde. Ich würde mich nicht dem Angreifer nähern, den ich gerade angeschossen habe. Ich denke das solltest du auch nicht tun. Ein bewaffneter Bürger hat nicht die Pflicht, unter allen Umständen Erste Hilfe zu leisten. Wenn du ein Polizist im Dienst bist, bist du womöglich dazu verpflichtet. Überprüfe die Gesetzeslage in deinem Bundesstaat und die entsprechende Rechtsprechung, um das richtige Verhalten in einer ähnlichen Situation zu bestimmen.

Deutsches Recht

So, nun hatten wir ein Mal die Schweiz und ein mal die USA als Ratgeber. In Deutschland gibt es den §323c des StGB, der eine Pflicht zur Hilfeleistung vorschreibt. Er lautet folgendermaßen:

 

„Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Zu einer Ersthilfe ist man also laut StGB § 323c jeder Person gegenüber verpflichtet, das heißt auch einem angeschossenen Angreifer.   Das bedeutet, dass zumindest die ersten Schritte der Rettungskette eingeleitet werden müssen – und sei es nur das Absetzen des Notrufs. Mehr ist vom deutschen Recht her nicht notwendig, denn hier können keine Erste-Hilfe-Maßnahmen ohne „erhebliche eigene Gefahr“ geleistet werden. Die weitere Frage wäre, ob es jemand „den Umständen nach zuzumuten“ sei, sich einen Menschen zu nähern, der gerade das eigene Leben bedroht hat und von einem selbst angeschossen wurde. Es handelt sich um eine Ausnahme- und Extremsituation und hier wäre niemandem zuzumuten, dass er sich so verhalten müsste, als würde ihm das jeden Tag passieren und es für denjenigen sozusagen Routine wäre.

Aber wie der amerikanische Polizist schon sagte, dies ist keine Rechtsberatung, sondern soll nur für die Problematik sensibilisieren, falls jemals jemand in diese Situation kommen sollte.

Also, nach all diesen Argumenten:

Wie würdest du handeln?

 

4 thoughts on “Muss ich bei einem verwundeten Angreifer Erste Hilfe leisten?

  1. Wenn eine Situation so eskaliert dass es überhaupt erst zu einem Schusswechsel kommt, dann sollte der (gesetzestreue) Schütze die Gefahr neutralisieren. Dann gibt es auch hinterher keine Fragen betreffs der unterlassenen Hilfeleistung.
    In die Beine schießen geht nur im Film. Warnschuesse sind Unsinn und gefährlich für Unbeteiligte.
    Ein angeschosser Bär ist unberechenbar.

    Wenn bei mir nachts einer ins Haus einbricht oder wenn einer meint er muss mich irgendwo ueberfallen, dann gehe ich davon aus dass demjenigen mein Leben total egal ist und entsprechend werde ich dann reagieren. Wenn es dabei zum Schusswechsel kommen sollte dann ist aber eines sicher: nur einer von uns überlebt das. Und da Kriminelle die überhaupt soweit gehen meist ihr Schiesstraining nur aus Hollywood Filmen haben, und oft auch keine Gegenwehr erwarten, bin ich allerdings recht optimistisch hier.
    Sollte ich doch ausversehen daneben schießen und einen verletzten Angreifer vor mir haben, dann wäre das Letzte auf meiner Liste mich diesem verletzten Raubtier zu naehern damit es daß fertigmacht waß es angefangen hat.
    Und vor Schreck fällt mir dann leider auch noch mein Telefon runter so dass ich eben auf Hilfe von aussen warten muss….
    Kein Mitleid hier. Jede Entscheidung hat Konsequenzen, sei es die Entscheidung jemanden zum (bevorzugterweise wehrlosen) Opfer machen zu wollen, oder die Entscheidung einen gefaehlichen Schädling zu vernichten. Während ich mir der Konsequenzen meiner Entscheidungen bewusst bin und diese in Kauf nehme, bezweifle ich dass sich viele Möchtegern Gangster Gedanken darüber machen was alles passieren kann.
    Es ist eine Schande dass in den meisten s.g. zivilisierten Ländern Kriminelle meist besser vom Gesetz geschützt werden als deren Opfer.
    Es ist eine noch größere Schande dass es die Bürger einer Demokratie überhaupt zulassen dass ihnen durch Gesetze der Selbstschutz verboten wird und gleichzeitig klargemacht wird dass die Regierung keineswegs verpflichtet ist den Bürgern Schutz zu garantieren. Aber zum Glück ist das (noch) nicht in jedem Land so….
    Freedom is never free.

    (Sorry wg. Schreibfehlern. Mein Handy und ich, wir können uns irgendwie nie einigen)

  2. Nun ja, wer mich in eine Situation bringt in der ich mich mit der Waffe wehren muss, der ist selber schuld.
    Soll er sehen wo er bleibt.

    In den USA wird sogar ein vermutlich schon Toter erst gefesselt, bevor man sich ihm annimmt, also erste Hilfe leistet. Oder eben „GABI“ wie das in der Schweizer Armee geleeehrt wird.
    ( Gabi = gibt er Antwort – Atmet er – Blutet er – ist er bei Bewusstsein. )

    In der Schweiz ist man zur Nothilfe verpflichtet. Aktuelle Bundesgerichts-Urteile besagen, das man nach einem Pfefferspray-Einsatz im mindesten jemanden Anrufen muss der diese Hilfe leistet.
    Man kann also in der Nacht einen mit Pfefferspray abgewehrten nicht einfach stehen lassen.
    Es genügt aber schon ein Anruf bei einem Bekannten des Abgewehrten, bei der Polizei usw.
    Ansonsten kann der „gesprayte“ noch allerhand juristischen Ärger provozieren.

    Beim Schusswaffengebrauch liegen die Massstäbe ähnlich, werden naturgemäss aber strenger überprüft.
    Allerdings wird man dann klugerweise eh die Polizei anrufen, womit eine weitere Hilfeleistung schon eher hinfällig wird.

    Es ist zudem für mich ganz klar….
    Wenn die Polizei sich absichert bevor sie sich einem Täter nähert, auch wenn der regungslos am Boden liegt, dann kann es nicht sein das ich als Privatperson ein höheres Risiko eingehen soll wie der ….welcher dafür ausgebildet wurde.

    Ich denke, wer jemals in so eine Situation kommt, sollte vor allem Mental so gut vorbereitet sein, dass er der eintreffenden Polizei auch die richtigen Antworten geben kann.

    Also bei der Frage warum man nicht Nothilfe leistete……… Klarmachen das man dazu nicht die Mittel hatte, …..nicht wissen konnte ob ein zweiter Täter irgendwo vor Ort war, usw.

  3. Es besteht keine Pflicht sich selbst in Gefahr zu bringen um jemandem zu helfen. Wenn ich das Risiko nicht beurteilen kann – und in so einer Extremsituation wird das wahrscheinlich die Regel sein – dann werde ich mit größter Wahrscheinlichkeit nicht helfen.

    Ich habe einige Jahre in einer Disco, u.a. an der Tür/Kasse, gearbeitet. Da habe ich des öfteren erlebt wie ein vorher sehr aggressiver Angreifer, nachdem er zu Boden gebracht wurde, beteuert hat, er würde jetzt friedlich sein. Kaum standen diese Figuren, ging es wieder los … mit Händen, Füßen, Zähnen und gelegentlich auch mit abgebrochenen Flaschen, Gläsern, Schlagringen oder Messern. Irgendwann kennt man diese Kandidaten und lässt sie nicht mehr hochkommen, bis die Polizei da ist und die Handschellen angelegt hat.

    Darauf zu vertrauen, daß jemand der vorher keine Skrupel hatte mich anzugreifen, dabei verletzt wurde, dann friedlich bleibt wenn ich versuche ihm zu helfen … ich bin in der Hinsicht ein gebranntes Kind mit zu viel Erfahrung im realen Leben.

    Da habe ich schon zu oft erlebt, was selbst unbeteiligten Helfern passieren kann. Angriffe auf Sanitäter und Polizei inbegriffen. Viele von meinen Bekannten im nächtlichen Sanitätsdienst haben sich inzwischen Stichschutzwesten angeschafft. Teilweise wurden die auch schon von der Dienststelle gestellt oder zumindest bezuschusst.

  4. Etwas andere Situation, gleiche Überlegungen:
    Vor einiger Zeit ist mir folgendes passiert: Vor einem Supermarkt am hellichten Tag bricht ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann vor meinen Augen zusammen. Ich im Supermarkt Bescheid gesagt sie sollen Sancar rufen. Dann zu dem immer noch bewußtlosen Mann hin und ihn etwas aufgesetzt. Promt wacht der Typ auf, schlägt um sich und beschimpft mich; dankenswerterweise war der zu besoffen um gefährlich zu sein. Gottlob kam dann noch ein Helfer, der sich als Rettungssanitäter außer Dienst herausstellte, befragte den Typen und als der weiter Beschimpfungen und Drohungen ausstieß, sagte er mir, wenn der Typ nicht will und sich so aufführt, kann man sich entfernen und ihn seinem Suff überlassen.
    Hier also wohl keine Verpflichtung zur Hilfe. Und einen Angriff auf mich interpretiere ich mal ganz frei als nicht geholfen werden wollen. :-)

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