Malcolm Gladwell: Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können (The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference)

20 Aug

Auf das Buch „Tipping Point“ wurde ich aufmerksam, als ich vor einiger Zeit einen Bericht im Spiegel –  „BWL nützt gar nichts“ – las, in dem das Buch neben anderen sehr lesenswerten Büchern von einem Existenzgründer empfohlen wurde. Die anderen empfohlenen Bücher beschäftigen sich ausschließlich mit Existenzgründung/Unternehmertum, „Tipping Point“ dagegen kann man eigentlich jedermann empfehlen: es ist für jeden etwas dabei, es werden unterschiedlichste Themen angesprochen, die aber alle auf das hinauslaufen, was im Untertitel konstatiert wird: Wie kleine Dinge Großes bewirken können.

Um was geht es in diesem Buch? Der Autor zeigt durch anschauliche und sehr unterhaltsame Beispiele, wie eine „Epidemie“ entsteht, nämlich durch die drei Merkmale „Ansteckungsgefahr“, dass kleine Dinge Großes bewirken können und dass Veränderung nicht graduell verläuft, sondern eine „kritische Masse“ erreicht und dann „umkippt“. Die Termini mögen sich sehr medizinisch, technisch oder wie auch immer anhören,  lassen sich aber sehr gut auf unterschiedlichste Situationen anwenden. Im Buch wird das an einem Beispiel aus der Mode gezeigt (als Hush Puppies zu Beginn der 90er in den USA (wieder) total hip wurden), der Kriminalität (wie aus New York von einer Metropole mit hoher Verbrechensrate wieder eine halbwegs „normale“ Stadt wurde) oder auch an Beispielen, wie Krankheiten (also die Epidemien im eigentlichen Sinne) sich verbreiten. Um gerade jenen letzten Punkt, den „Tipping Point“ erklären zu können, wie es dazu kommen kann oder was dazu nötig ist, um jene „kritische Masse“ zu erreichen, die die Lawine auslöst, veranschaulicht Gladwell durch drei Faktoren: das Gesetz der Wenigen, die Verankerung und die Macht der Umstände.

Im Kapitel „Gesetz der Wenigen“ beschreibt Gladwell 3 Typen von Menschen, die zu einer „Epidemie“ betragen können, die „Bindeglieder“/“Vermittler“, die „Experten“/“Kenner“ und die „Verkäufer“. Als Beispiel für ein „Vermittler“ wurde u.a. Paul Revere ausgewählt, jener Silberschmied, der vom 18. auf den 19. April 1775 die zufällig von einem Stallburschen mitgehörte Information verbreitete, dass die Briten am nächsten Tag vorhatten, nach Lexington zu marschieren, um die Kolonialführer Hancock und Adams zu verhaften und in Concord die Waffen und Munition der Bürgermiliz einsammeln wollten. Aufgrund seiner Bekanntheit und seines Leumundes, wurde das Gerücht geglaubt, die ganze Gegend war auf den Beinen, um die Engländer zurückzuschlagen. Das war der Startschuss für die amerikanische Revolution, die in der Unabhängigkeit Amerikas mündete.

In Kapitel 3 wird dargelegt, wie „Verankerung“ entsteht. Ich finde den englischen Ausdruck „stickiness“ sehr viel anschaulicher, denn gerade die „Klebrigkeit“ macht in bildlicher Sprache klar, wie Inhalte, seien es Informationen im Bereich Bildung oder im Bezug auf Marketing/Werbung beschaffen sein müssen, um Wirkung zu entfalten. Denn Produkte, Ideen oder Verhaltensweisen müssen sich ausreichend einprägen, wenn sie sich epidemisch verbreiten sollen. Wer als Kind die Sesamstraße liebte, wird wahrscheinlich voll Neugier, Interesse, aber auch Erstaunen lesen, wie jede einzelne Sendung wissenschaftlich überprüft wurde, ob denn die Informationen (hauptsächlich das Alphabet und die Zahlen von 1-10) auch von den Kindern aufgenommen wurden und hängen blieben – und ob die Kinder von der Art der Präsentation ausreichend gefesselt waren, um am der Sesamstraße „kleben“ zu bleiben.

Nach den Menschentypen, die Epidemien auslösen können und den Merkmalen von erfolgreichen Epidemien geht es in den Kapiteln 4 und 5 um den dritten Faktor, der bei der Verbreitung von Epidemien erfolgreich ist: die „Macht der Umstände“. Epidemien hängen stark mit den Bedingungen und Umständen der Zeit und des Ortes zusammen. Das heißt auch, dass relativ kleine Dinge und Anpassungen schon große Veränderungen bewirken können. Auch Kleinigkeiten können zu großen Veränderungen unseres Verhaltens führen. Sehr interessant ist hier das Beispiel New York, das in den 80er Jahren eine Stadt mit extrem hoher Kriminalitätsrate war und eine Dekade später zu den sichersten Städten Amerikas gehörte. Veränderungen, die viele für zweitrangig bis unwichtig halten würden, wie das U-Bahn-System „sauber halten“ in Form von Sauberkeit (kein Müll, keine Grafittis) und „zero tolerance“ gegenüber Gewalt und Schwarzfahren, hatte beispielsweise schon eine große Wirkung.

Es folgen noch 2 weitere Kapitel, die weitere Beispiele für diese Thesen erzählen,  sei es das einer weiteren Schuhmarke (Airwalk), die epidemischen Selbstmorde von männlichen Jungen und Teenagern in Micronesien oder die „Klebrigkeit“ des Rauchens. Ein letztes Kapitel mit dem „Fazit“ des Buches runden das Lesevergnügen ab.

 

Wer in diesem Buch eine Handlungsanweisung, beispielsweise für Marketingstrategien, finden will, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Manch einem mag das Buch nicht fokusiert genug sein und zu viele unterschiedliche Themen ansprechen, anderen wiederum geht es nicht weit genug (dann wäre der Autor aber auch nicht mit 272 Seiten ausgekommen). Dennoch denke ich, dass das Buch genug Denkanstöße liefert für diejenigen, die eine Epidemie auslösen wollen, sei diese nun ein Produkt, das jeder haben wollen sollte oder eine Ansicht, Meinung oder Geisteshaltung, die sich in der Bevölkerung verbreiten soll.

Wer aber auch am „Querbeet-Lernen“ interessiert ist und Aha-Effekte liebt, der wird bestimmt die ein oder andere Erkenntnis aus diesem Buch ziehen und obendrein noch gut unterhalten werden.

 

 

Malcolm Gladwell: Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können (Originaltitel: The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference) Goldmann Verlag (1. Oktober 2002), 320 Seiten.

 

 

 

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