„Liebes betrunkenes Mädchen“

28 Aug

Heute Morgen habe ich auf Facebook ein Statement zu einem kurzen Kommentar im Netz gepostet, der folgendermaßen lautete: „Und es geht in die nächste Runde: Zuerst unterstützen Schusswaffen „rape culture“. Dann waffenlose Selbstverteidigung. Und jetzt ein Nagellack, der Frauen helfen kann, k.o.-Tropfen in einem Drink zu erkennen???

„‚Ich will verdammt noch mal meinen Drink in der Bar nicht testen‘, sagt Rebecca Nagle, eine der Co-Direktorinnen der Aktivistengruppe FORCE ‚das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte.'“
Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen der Kopf abgeschnitten wird, Kinder misshandelt und missbraucht werden, Männern und Frauen Gewalt angetan und Tiere gequält werden. Aber davon verschwindet die Gewalt in der Welt nicht, ich kann mir auch keine rosa Einhörner herbei-imaginieren. Ich frage mich wirklich, wo der Realitätssinn dieser Leute geblieben ist. Wenn ich meinen Schutz weg lasse, verschwindet auch die Gefahr? Mit derselben Logik müsste die Frau auch ihre Haustüre offen stehen lassen, wenn sie gegen Diebstahl ist.
Und geht diese Frau mit derselben Logik mit jedem Fremden aus der Bar mit nach hause, denn wenn ihr etwas geschehen würde, was sie nicht wollte, wäre das „nicht die Welt, in der sie leben möchte“?
Ich habe als Sicherheit im Club schon Frauen erlebt, denen wohl etwas in ihren Drink gekippt wurde – wenn es einen Test gibt, der so einfach ist wie dieser, ist das eine gute Sache!“

 

Das erinnerte mich wieder an einen Beitrag, den ich vor einiger Zeit gelesen habe: „dear drunk girl“. Ich werde weiter unten eine Übersetzung des Textes geben, da er mich sehr berührt hat und mir aus der Seele spricht. Wie oben bereits angesprochen habe ich während meiner Zeit als weibliche Sicherheitskraft in einem Club vieles gesehen und mitbekommen, was die Autorin des Textes beschreibt.

Aber wer die Kommentare zu diesem Beitrag liest, wird feststellen, dass auch der wahrlich herzlichen und wohlmeinenden Autorin des Textes „victim blaming“ (Opferbeschuldigung) vorgeworfen wird.

Wenn man der bisweilen grausamen Realität ins Auge sieht und Gegenmaßnahmen empfiehlt oder ergreift, hat das nichts damit zu tun, dass man das Unrecht gut heißt! Auch wenn man keine Schuld daran hat, dass jemand anderes übergriffig wird, heißt das doch nicht, dass man nicht vorsichtig sein und sich schützen sollte.  Das als Vorbemerkung zu diesem Text, der, wie ich finde, schon für sich selbst spricht:

 

„Liebes betrunkenes Mädchen,

 

Ich sehe Dich überall.

 

Ich lebe in einer College-Stadt, im einzigen Haus, das von seinem Besitzer bewohnt wird, in einer Straße voll Studentenbuden. Ich sehe Dich während der Willkommens-Woche, an den Samstagmorgen, wenn ein Football-Heimspiel ist, am St. Patricks-Day und jede Nacht  donnerstags, freitags und samstags.

 

Du bist auf Partys nebenan und gegenüber, stolperst in High-Heels unseren Hügel morgens um  3:27 hoch, sitzt auf dem Bordstein und weinst und schreist in dein Handy. Oft sehe ich Dich, wie Du am Morgen abgesetzt wirst, in Deinem Ausgeh-Dress von letzter Nacht, die High-Heels in Deiner Hand und Deine Haare eine verrückte Mutation Deiner sorgsam zurecht gelegten Frisur.

 

Ich habe Dich „Strip Beer Pong“ auf der Veranda spielen sehen, mit nicht mehr an als einem BH und einer kurzen Jeans. Ich habe Dich sprechen gehört letzte Nacht, Deine Worte waren kaum zu verstehen (wenn Du auch sehr laut gesprochen hast!), aber es ging hauptsächlich darum, dass Du „so verdammt betrunken“ bist.

 

Roll jetzt nicht mit den Augen, denn ich bin alt genug, dass ich Deine Mutter sein könnte.

 

Ich trinke Alkohol und ich bin nicht prüde. Ich kenne die entspannende Wirkung eines Guinness oder eines Gin-Tonic und ich gebe zu, dass ich mich etwas schöner fühle, etwas unterhaltsamer auf einer Party bin nach 1-2 Drinks. Ich war auch schon richtig besoffen, wenn auch nicht in letzter Zeit. Ich spürte auch schon mal, wie mein Bett sich drehte, kotze in der Toilette einer Bar und bin auch schon aufgewacht und glaubte, ja wünschte mir, ich würde sterben, weil mir alles weh tat und die Welt gleichzeitig zu hell und unglaublich verschwommen und dumpf war.

 

Ich verurteile Dich nicht. Ich mache mir Sorgen um Dich.

Ich habe einen 16-jähriegen Sohn und ich mache mir Sorgen, was ihm passieren könnte, sei es, dass er betrunken Auto fahren  oder sich mit Alkohol vergiften würde, aber er wird nie auf die Weise verletzlich sein, wie Du es bist. Es ist womöglich falsch, dass wir in einer Gesellschaft mit solch einer Ungleichheit leben, aber wir tun es.

 

In einer College-Stadt wie dieser gibt es Leute, die zu feuchtfröhlichen Feiergelegenheiten auftauchen und nach jungen betrunkenen Frauen Ausschau halten, so dass sie einfach Ziele für Übergriffe sind. Das erfinde ich nicht. Ein Polizist erzählte mir von der Zahl der Notrufe, die er entgegengenommen hat, in denen eine Frau von ihren Freunden zurück gelassen wurde und jemand sie dann verletzt hat.

 

Der Polizist, Vater zweier Töchter, hatte Tränen in den Augen. Er sagte, das passiere hier jedes Wochenende.

 

Der Polizist merkte auch an, wie die Opfer tendenziell angezogen waren, was mich sofort wild machte. Ich appellierte an ihn, fragte ihn, ob er wirklich glaube, dass irgendeine Frau nach einem Übergriff verlangt, weil sie freizügige Kleidung trägt? Er sagte, dass er nicht PC mit mir sein wolle, denn realistisch betrachtet wird ein Mann, der sich die (zeitweise) Unzurechnungsfähigkeit einer Frau zunutze machen wolle, nicht herumsitzen und überlegen, ob ihr Party-Outfit denn nun eine Einladung für ihn sei oder für jemand anderen.  Ich hasse, dass das wahr ist, denn ich denke, Du solltest Dich anziehen dürfen, wie Du willst. Denn Du bist jung und schön und solltest Dich nicht verhüllen müssen, weil manche Männer Beutegreifer oder Neandertaler sind. Du solltest frei sein, so frei wie jeder Mann auf der Erde.

 

Aber,

 

hier ist der Abschnitt des Ganzen, von dem ich wirklich will, dass Du dran denkst: WENN DU SO VIEL TRINKST, DASS DEIN URTEILSVERMÖGEN BEEINTRÄCHTIGT IST, DAS DU DIE KONTROLLE ÜBER DICH SELBST VERLIERST, DASS DU OHNMÄCHTIG WIRST, DANN SETZT DU DICH EINEM RISIKO AUS. Das ist Deine Wahl und nur Deine. Du lebst in dieser Welt, mit allen Vor- und Nachteilen, und mit Freiheit geht Verantwortung einher.

 

Bitte trink nicht so viel, dass wenn Dir der Absatz abbricht oder Du zum Kotzen auf dem Weg anhalten musst, Deine Freunde weiter gehen und Dich allein lassen. Wenn Du sturzbetrunken und ganz allein um 3 Uhr morgens auf der Straße bist, bist Du nicht sicher.

 

Bitte trink nicht so viel, dass Du Dich mit Typen einlässt, die Du nicht wirklich kennst und die Du vielleicht nicht mal mögen würdest, wenn Du nüchtern wärst. Wenn Du so betrunken bist, wäre das ohnehin keine großartiges sexuelle Erfahrung. Zudem können Krankheiten und Schwangerschaft Deine Pläne zerstören und Dein großartiges, schönes Leben mittendrin kaputt machen.

 

Bitte trink nicht so viel, dass Du den Typen, mit dem Du zwei Mal ausgegangen bist, anrufst und ihn fragst, warum er nicht auf der Party ist, ob er mit einem anderen Mädchen ausgegangen ist und dann „Du beschissener Dreckskerl, ich weiß, dass Du bei ihr bist!“ in Dein Handy schreist. Zieh Dein Oberteil nicht in der Öffentlichkeit aus. Und werde nicht in fremden Häusern bewusstlos.

 

Denn ich sehe Dich auch nüchtern.

 

Ich sehe Dich überall. Ich sehe Dich, wie Du morgens zu Deinen Kursen gehst, mit Deiner Design-Mappe oder Deinen Chemie-Aufschrieben. Ich sehe Dich mit der Band marschieren bei der Homecoming-Parade, wie Du vom Fußballtraining heim kommst mit unordentlichem Zopf und der Tasche voller Stollen und Schienbeinschützern. Ich spreche mit Dir über Deine Pläne Lehrerin zu werden, LEED-zertifizierte (Öko-)Gebäude zu entwerfen oder nach D.C. zu ziehen, um in der Politik tätig zu werden. Ich sehe Dich, wie Du „Erobere die Nacht zurück“-Wachen organisierst und Fahrgemeinschaften bildest, um am Capitol gegen Ungerechtigkeit zu protestieren.

 

Ich weiß, dass Du alles sein kannst und ich möchte, dass Du sicher bist, so dass Du überall hingelangen kannst, wo Du hin möchtest.

 

Ich bin jemands Mutter, ich bin ein Teil des „Dorfes“, das Dich immer noch groß zieht, auch wenn Du von zuhause ausgezogen bist und weg vom Campus.

 

Denn, liebes betrunkenes Mädchen, ich liebe Dich auch, wenn Du es selbst nicht tust.

 

Herzlichst,

 

die Dame von der Veranda gegenüber“

 

 

 

One thought on “„Liebes betrunkenes Mädchen“

  1. Vor 25 Jahren war ich DJ in einer Disco. Fast jeden Abend habe ich 1-3 angetrunkene Mädels eingesammelt und nach Hause gefahren, weil sie kaum noch fähig waren selbst heim zu kommen. Von den möglichen Gefahren auf dem Heimweges mal abgesehen.

    Nachträglich gesehen ärgere ich mich über die Verantwortungslosigkeit von Leuten, die sich so zuschütten, und daß sie die Konsequenzen ihres Handelns nicht vorher bedenken.

    Wir leben nun mal nicht in einer perfekten Welt und unter tausenden von Menschen befindet sich immer eine Person, die diesen Menschen böses will und solche Situationen ausnützen wird. Es ist einfach gesunder Menschenverstand, daß man in der Wildnis auf Raubtiere treffen kann – das gilt genau so für die sogenannte „zivilisierte Welt“, eine Wildnis, die nur eine andere Bezeichnung hat und genau so gnadenlos sein kann wie der Dschungel im Amazonas.

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