Leben und Feiern im Krisengebiet

7 Sep

Neulich ging ein Raub durch die Medien, der auch deswegen große Beachtung erfuhr, weil es ein Freund der Sängerin Jennifer Weist (Jennifer Rostock) war, der ausgeraubt wurde und dem, weil er sich wehrte, eine große Schnittwunde am Hals zugefügt wurde. Das Bild der Wunde, das die Sängerin ins Netz stellte, fand große Verbreitung und warf die Frage auf, wie sicher jenes RAW-Gelände – oder weiter gefasst das Gebiet um die Oberbaumbrücke/Warschauer Straße – eigentlich ist, denn dieser Vorfall ist kein Einzelfall. Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Drogenhandel, Vandalismus und weitere Delikte haben sich stark vermehrt, seit diese Location zum Hot Spot für (junge) Berliner und feierfreudige Gäste aus der ganzen Welt geworden ist.

Für Nicht-Ortskundige möchte ich kurz einen kleinen Eindruck von jenem Areal geben: Wenn man der Skalitzer Straße in Kreuzberg Richtung Osten folgt, überquert man mit der Oberbaumbrücke die Grenze zum Bezirk Friedrichshain.  Kurz nach der Oberbaumbrücke findet die bekannte U-Bahn-Linie U1 ihr Ende im U-Bahnhof Warschauer Straße. Rechts vom Bahnhof, an der Spree entlang, befindet sich die East Side Gallery (ein von Künstlern bemalter Abschnitt der Mauer). Folgt man der Warschauer Straße weiter Richtung Osten, so überquert man die Straße/Brücke, unter der die S-Bahngleise der Linien, welche die Ost-West-Verbindungen bilden, verlaufen und die nächste Straße, die rechts abgeht – die Revaler Straße – begrenzt das RAW-Gelände, das zwischen Gleisareal und Revaler Straße liegt. In den alten Fabrikhallen gibt es Bars und Clubs, eine Skatehalle, Boulderhalle und manches mehr, was zur Freizeitgestaltung Junger und Junggebliebener taugt. Aber wie schon erwähnt, die Gegend ist mit ihren Hostels, Imbissen und kleinen Restaurants, die voll auf den Geschmack eines jungen, internationalen Backpacker-Publikums abzielen, ein Magnet. Besonders am Wochenende ist diese Gegend brechend voll mit betrunkenen, zugedrogten Menschen, von denen manche zu denken scheinen, dass man Mäßigung und ein halbwegs zivilisiertes Benehmen sich ruhig für zuhause aufheben kann. Gut, das ist weltweit ein Problem mit Backpacker-Hot Spots oder auch einer bestimmten Form des Party-Tourismus allgemein („Ballermann“), darüber wollen wir mal in diesem Zusammenhang hinwegsehen. Worüber man aber nicht hinwegsehen kann, ist die steigende Kriminalität in dieser Gegend. Nach jenem Vorfall veröffentlichte die Berliner Zeitung einen Artikel darüber, wie man sich Verhalten sollte, wenn man dort unterwegs ist – Tipps, welche von der Berliner Polizei stammen. Am bemerkenswertesten ist wohl der Umstand, dass in manchen Kommentaren in den Social Media unter jenem Artikel bemerkt wurde, dass das Auswärtige Amt ähnliche Verhaltensregeln für Reisende in Krisengebiete empfiehlt. Das mag zwar Sinn machen, ist jedoch eine Bankrotterklärung, wenn man bedenkt, dass wir uns in Deutschland, in der Mitte seiner Hauptstadt befinden.

Was ist denn nun zu den Sicherheitsregeln zu sagen?

Der Ratschlag, möglichst wenig Wertgegenstände mitzunehmen, ist zunächst natürlich richtig. Aber ein Perso sollte man in jedem Fall dabei haben, sei es, dass man sich in den Clubs ausweisen muss (und das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass der Türsteher zu doof ist zu erkennen, dass man mit seinen 35 Jahren bestimmt schon über 18 ist…auch über die entrüsteten „Aber ich bin doch schon 19!“-Ausrufe feierwilliger „Kinder“ kann ich heute noch schmunzeln…) oder einfach, dass man als Opfer (oder „orientierungslose Person“) leichter identifiziert werden kann, falls man sich selbst temporär oder dauerhaft verbal nicht ausweisen kann. Ob man lieber nur Bargeld oder Bargeld und EC/Kreditkarte mitnimmt, muss auch jeder für sich oder von Fall zu Fall entscheiden, für beides gibt es gute Gründe. Ein Handy scheint mir unverzichtbar, schon allein, um in Notfällen schnell einen Notruf absetzen zu können. Und andere Wertsachen wie Schmuck, teure Uhren und Handtaschen, Markenkleidung? Ja, die braucht man in der Tat eigentlich nicht. Aber was bringen einem diese Dinge, wenn man sie nicht abends beim Ausgehen „ausführen“ darf, um zu glänzen, sich damit zu schmücken? Zu empfehlen, diese Wertsachen daheim zu lassen, um quasi „in Lumpen gehüllt“ auf die Piste zu gehen, ist zwar von der Sache her richtig, geht aber an der Realität vorbei. Nichts desto trotz, die teure Markenlederjacke und die Designerhandtasche wie auch das IPhone wecken Begehrlichkeiten und auch in den Clubs kommt es immer wieder zu Diebstählen.

Aufmerksam sein, verdächtige Personen erkennen, im Auge behalten, meiden, Personengruppen, in denen es zu Spannungen kommt, möglichst meiden und umgehen, möglichst zu mehreren sein – alles richtig. Auch der Hinweis, im Zweifel lieber Geld und Wertsachen herzugeben, besonders, wenn schon gezogene Messer im Spiel sind, ist in gewisser Weise richtig. Auch bei meinem Training „waffenlose Selbstverteidigung“ im Rahmen meiner Ausbildung wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass man nicht den Helden spielen soll, wenn Messer im Spiel sind und sich der Messerangriff damit eventuell vermeiden lässt. Man muss bedenken, dass diese Leute oft eine ganze Meute als Back-up im Hintergrund haben.

Was mir bei diesen Tipps gefehlt hat, war Folgendes:

1. Es schadet nicht, wenigstens ein Minimum an Erste-Hilfe-Material einzustecken. Das muss nicht ein kompletter Verbandskasten sein, anstatt der kleinen Mullbinden und dem ganzen Zeug würde ich eine Notfallbandage (Israeli Bandage, Oleas-Bandage oder vergleichbares, Einweghandschuhe dazupacken!) empfehlen, wie sie das Militär – und zunehmend auch die Polizei – benutzt, um blutende Wunden schnell versorgen zu können, die Blutung effektiv zu stoppen oder zumindest einzudämmen. Alles weitere aus einem Erste-Hilfe-Set wäre natürlich auch gut, aber demgegenüber zweitrangig. Ganz ehrlich, bei all dem Mist, den ich bei Taschenkontrollen an einer Clubtür schon in (Damen-)Handtaschen gesehen habe, wäre das zumindest mal etwas Sinnvolles. (Einfach 3 Puderdosen, 5 Eyeshadows und 7 Kajale zuhause lassen, dann passt das schon…)

2. Auch sinnvoll, und von einigen Frauen auch bereits praktiziert, ist es für diejenigen, die gerne in High Heels ausgehen möchten, wenigstens für den Rückweg ein paar flache Schuhe, am besten Turnschuhe, einzupacken. In High Heels rennt es sich einfach nicht so gut, wenn das nötig sein sollte.

3. Der wichtigste Punkt aber, den die Tipps der Polizei nicht erwähnen, ist aber der: Gar nicht oder äußerst moderat Alkohol trinken und keine Drogen nehmen. Nichts ist für die eigene Sicherheit essentieller, aber nichts beißt sich für viele auch mehr mit dem Konzept von „Party machen“. Ich kann das nachvollziehen, in meiner Jugend lautete mein Motto auch „party hard“ und das beinhaltete den Konsum größerer Mengen Alkohol. Aus heutiger Sicht hatte ich Glück – ich hätte oft draufgehen können. Kälte, Straßenverkehr, schlechte Menschen. Heute sehe ich das Ganze natürlich in einem anderen Licht, v.a. weil meine Erfahrungen als Security in einem Berliner Club (bzw. im Eventbereich in Berlin allgemein) mir jeden Arbeitstag auf Neue gezeigt haben, was übermäßiger Alkoholgenuss beim Feiern so anrichtet: Pöbeleien, Schlägereien, Stürze mit Verletzungen, Zusammenbrüche, Alkoholvergiftungen und das Abschleppen/Abgeschleppt-werden von Sexualpartnern, die man am nächsten Morgen bereuen könnte. Alkohol lässt einen bei der zwischenmenschlichen Kommunikation falsch reagieren, man denkt langsamer, reagiert langsamer, handelt langsamer. Bei entsprechender Alkoholmenge nicht nur langsamer, sondern auch unkoordinierter.  Man schätzt Situationen falsch ein, erkennt Gefahren zu spät. Das alles ist nicht hilfreich, wenn man beklaut, ausgeraubt oder zusammengeschlagen werden soll.

Also, das wäre eine der wichtigsten Sicherheitsempfehlungen und gleichzeitig die unrealistischste. Eine weitere wäre höchstens noch, sich von diesem Gebiet fern zu halten. Denn je touristischer eine Gegend ist, desto mehr zieht sie Diebe und Räuber an, die dort auf leichte Beute hoffen können. Das gilt nicht nur für das RAW-Gelände, das ist überall so.

Und sonst so? Was ist mit dem Rest der Partyszene in Berlin? Ich gebe zu, ich bin da kein Kenner, aber ich schäme mich bestimmt nicht dafür. Aber was ich zu der Zeit, als ich in diesem Bereich gearbeitet habe, so mitbekommen habe, sind wohl so einige Clubs „verseucht“. Verseucht von kriminellen Banden/Clans, die mit Drogen, Erpressung, Schutzgeld und was auch immer ihr Geld machen. Das sind Leute, bei denen die Security manchmal schon „von oben“ die Anweisung hat, gewisse Leute samt ihrer Entourage ungeprüft durch zu lassen. Und die dann auch mal mit Schusswaffen und Messern im Club rumfuchteln, wenn sie sich bedroht fühlen. Wenn Clubbesitzer und Security gut mit der Polizei und dem LKA zusammen arbeiten, ist die Situation etwas besser, aber leider sind die oft auch machtlos. Ich weiss aus Gesprächen mit LKA-Beamten, dass viele ihrer „Kunden“ schon „alte Bekannte“ sind, Intensivstraftäter mit langem Strafregister, derer die Justiz offensichtlich nicht Herr werden kann oder will. Das ist meiner Meinung nach ein Armutszeugnis für Deutschland.

Was bleibt, ist ein Gefühl der Hilflosigkeit. Als Sicherheit, unbewaffnet natürlich, hat man Kriminellen, die bewaffnet und in großen Gruppen Ärger machen wollen, wenig entgegen zu setzen. Auch auf ein schnelles Eingreifen der Polizei kann man sich nicht verlassen. Und auch dem einzelnen Bürger in Feierlaune bleibt nicht viel mehr als Aufmerksamkeit und vorausschauendes Handeln.

Im Hinblick auf die Situation in der Party-Zone hilft vielleicht einfach der Hinweis, die eigene Freizeitgestaltung zu überdenken und zu verändern. Wie wäre es, beispielsweise in einen Schießverein einzutreten und Schießen zu lernen? Das ist ein gesunder Freizeitsport für Körper und Seele, bei dem man bereits ein vernünftiges Abwehrmittel in Händen hält, sollten Kriminelle auf die dumme Idee kommen, einen auch bei dieser Art der Freizeitgestaltung zu belästigen…

(Das Beitragsbild zeigt die Oberbaumbrücke)

4 thoughts on “Leben und Feiern im Krisengebiet

  1. Ich glaube da hat sich ein Tippfehler in „Oleas-Bandage“ eingeschlichen, zumindest schlägt Google da beim Suchen „Olaes-Bandage“ vor.

    Aber danke für den Hinweis, hat mich daran erinnert, dass ich seit einer Weile mal ein paar ordentliche Druckverbände bestellen wollte. Hab mich jetzt für die Israelischen entschieden. Interessanterweise sind die bei amazon.com inklusive Porto immer noch deutlich billiger als bei amazon.de (25,14€ vs. 34,76€ für 2×4″+2×6″).

    Also falls sonst noch jemand jetzt welche bestellen möchte, es lohnt sich mal die Preise bei amazon.com zu vergleichen (wenn die Lieferung nicht ganz so dringend ist, mit Standardversand dauert die Lieferung jetzt bis Ende des Monats): http://amazon.com/gp/product/B00E9S2AUW (4″) und http://amazon.com/gp/product/B003DPVERM (6″)

    Aber auf den richtigen Lieferanten achten, der automatisch ausgewählte ist zwar (auf den ersten Blick) ohne Versandkosten, aber wohl nur für den Versand in den USA, mit der Deutschen Zieladresse werden daraus später 9,83€ Porto. Beim günstigsten Anbieter liegen die Versandkosten scheinbar fix bei 2,48€ (zumindest wurde bei mir der Betrag nur einmal für alle 4 zusammen berechnet und liegen damit sogar noch unter den 3€ bei amazon.de).

    Aber Achtung: Beim Import können unter Umständen noch Einfuhrumsatzsteuer und (bei einem Wahrenwert >22€) Zoll anfallen, die sollte Amazon zwar eigentlich vorab richtig berechnen (und direkt mit abbuchen und abführen), aber ich wollte nur sicherheitshalber darauf hinweisen.

    [Ich hoffe der Post landet wegen den Links nicht im Spamfilter, falls doch, sorry für den Mehraufwand beim moderieren^^]

    • Erst mal: ja, sorry, habe einen Buchstabendreher bei Olaes-Bandage drin gehabt. Die Israeli Bandages und anderes kann man auch hier in Deutschland kaufen. Beispielsweise hier (das ist der Importeur): http://www.medicalscg.de/c/produktloesungen/blutstillung/notfall-bandagen/
      Olaes gibt es beispielsweise hier: https://www.meetb.de/shop/de/search?page=search&page_action=query&desc=on&sdesc=on&keywords=Olaes&x=0&y=0
      MeetB hat aber auch noch eine günstigere Variante solcher Notfallverbände: https://www.meetb.de/shop/de/WoundStop-Pro-Druckverband-10-x-20-cm-Kompresse-35m-lang

      • Danke für die Links, ich habe jetzt mal die Preise vergleichen und für kleine Mengen scheint amazon.com günstiger zu sein.
        Ich habe für die 4″ jetzt $5,78 (6,20€) und für die 6″ $6,38 (6,85€) gezahlt, plus 2,48€ Porto für alles zusammen.

        meetB ist bei der 4″ Version etwas günstiger (4,70€/Stück), nimmt dafür aber auch 9€ Porto (bei Bestellungen unter 150€). Die 6″ Version ist mit 7,08€ sogar etwas teurer.
        MedicalSCG ist durchweg teurer mit 6,75€ für die 4″ und 7,07€ für die 6″ (und die Preise sind scheinbar noch ohne 19% Mehrwertsteuer und Angaben zum Porto konnte ich da auf die Schnelle auch nicht finden).

        Aber ob es sich lohnt für die paar Euro weniger 3-4 Wochen auf das Paket zu warten muss jeder selber wissen (mir ist es das wert, aber amazon.com spendet mit dem Smile Programm auch noch ein paar Prozent des Einkaufswerts an eine wohltätige Einrichtung der Wahl und da ich die Verbände jetzt nicht so dringend brauche, habe ich halt amazon.com genommen).

        Interessanterweise ist der günstigste Anbieter bei amazon.de (http://www.amazon.de/dp/B002AH5YDE/) scheinbar der selbe Händler wie der bei dem ich jetzt bei amazon.com bestellt habe. Dem voraussichtlichen Lieferdatum nach zu urteilen, erfolgt der Versand da auch aus den USA, das Porto liegt jedoch bei 3€ und damit noch über den 2,48€ bei amazon.com und die Preise (4″ 7,89€; 6″ 7,99€) sind teurer (zumindest für die 4″, falls jetzt bei meinem Paket aus den USA der Zoll doch noch 19% Einfuhrumsatzsteuer haben möchte, sind die 6″ dort dann 0,16€ teurer).
        Daher wollte ich auf die Alternative bei amazon.com hinweisen, ist ja nicht sehr intuitiv, dass der Import aus Übersee günstiger ist (gerade bei kleinen Bestellungen wo normalerweise die Portokosten unverhältnismäßig hoch sind) als eine Bestellung hier vor Ort. Nicht jeder vergleicht wohl direkt die Preise mit amazon.com :)

    • Update für die, dies es noch interessiert^^
      Die Sendung ist heute angekommen (Zollabfertigung war schon am 1.10. scheint also bei der Post etwas hängen geblieben zu sein). Wie erwartet fielen keine weiteren Steuern oder Zollgebühren an, sprich die 2×4″ und 2×6″ Bandagen haben jetzt inklusive Porto exakt 25,14EUR gekostet.
      Der Versand erfolgte anders als erwartet auch direkt aus Israel, nicht aus den USA (könnte mitverantwortlich für die längere Versanddauer gewesen sein, keine Ahnung hab noch nie was aus Israel bestellt vorher). Alle Bandagen sind mindestens haltbar bis April 2023, also ca. 7 1/2 Jahre. Scheinen also absolut frische Produktion zu sein.

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