Laura Browder: Her Best Shot – Women and Guns in America

10 Sep

Ein weiteres Werk zum Thema “Frauen und Waffen” habe ich nun durchgearbeitet. Ich gebe zu, es hat etwas länger gedauert. Das Buch genügt nämlich wissenschaftlichen Ansprüchen und ist insofern durchaus etwas komplexer. Dennoch ist es nicht mühselig zu lesen, trocken und langweilig kann man es bestimmt nicht nennen.

 

Die Autorin beschreibt in ihrem Vorwort zu „Her Best Shot“, dass sie bis Mitte 30 nichts mit Waffen zu tun hatte, ja sogar glaubte, nicht einmal einen Waffenbesitzer zu kennen (wobei sie dies später, während sie das Buch schrieb, anzweifelte). Erst nach ihrem Umzug von New England nach Virginia merkte sie, wie allgegenwärtig Waffen im Leben der Menschen dort waren. Laura Browder lernte im Zuge ihrer Recherchen zu diesem Buch auch Schießen, und ich denke aus einem Halbsatz herausgelesen zu haben, dass sie diese Erfahrung genossen hat, dennoch ist das Buch wissenschaftlich-neutral gehalten, wie es sich für solch eine Studie gehört. Allenfalls noch könnte man „kritisch-wohlwollend“ als Charakterisierung gelten lassen.

 

Um was geht es in diesem Buch, auf welcher Fragestellung liegt der Focus?

Laura Browder stellt die These auf, dass die bewaffnete Frau eine große symbolische Bedeutung in der amerikanischen Kultur hatte und immer noch hat. Sie zeigt in den Kapiteln, die den einzelnen geschichtlichen Epochen von der Mitte des 19. Jh. bis in die 90er Jahre des 20. Jh folgen, die Art und Weise auf, wie die bewaffnete Frau mit den Debatten der jeweiligen Zeit um die Befugnis von Frauen zur vollen Staatsbürgerschaft verknüpft ist – und ihre Befähigung zur Gewalt. Denn in der amerikanischen Geschichte diente die Waffe durchweg als Symbol für Männlichkeit und Gewalt. Demzufolge nutzten Frauen über 200 Jahre lang Waffen, um den typischen Geschlechter-Stereotypen zu entkommen.  Sie wurden dadurch bewaffnete Ikonen und mussten dennoch –paradoxer Weise – weibliche Stereotypen ebenso annehmen, um als Ikonen erfolgreich sein zu können (Annie Oakley ist ein Paradebeispiel hierfür). Diese Ikonen forderten das männliche Ideal Amerikas heraus – und bekräftigten es zugleich.

 

„Her Best Shot“ ist in eine Einleitung und ein Fazit mit 6 Kapiteln dazwischen unterteilt. Kapitel 1 beschäftigt sich mit den „militärischen Heldinnen“, also den Soldatinnen, die als Männer verkleidet am Bürgerkrieg teilnahmen und den Spioninnen jener Zeit. Einige dieser Frauen veröffentlichten später Memoiren über ihren Militärdienst oder traten auf der Bühne auf, um darüber zu berichten. Kapitel 2 behandelt die „Wild West Frauen“, seien es die Gangsterinnen im Wilden Westen oder die Showfrauen, die in Wild West Shows auftraten, als der Wilde Westen schon nicht mehr wild, sondern gezähmt und gebändigt war. Bei letzteren nimmt Annie Oakley eine herausragende Stellung ein, war sie doch der Inbegriff der schießenden „guten“ weißen Frau. Um sich von der Ambiguität ihrer in ethnischer Herkunft und Intension zweifelhaften, schießenden Geschlechtsgenossinnen abzusetzen, pflegte sie das Image der guten und anständigen Ehefrau: ihr Aussehen und Benehmen war über jeden Zweifel erhaben: Eine Lady, keine wilde Amazone – und nur so konnte sie sich der Zustimmung ihrer weißen Zuschauer gewiss sein. Schießen wurde von ihr zu einem Sport und Freizeitbeschäftigung gemacht, der sich auch die anständige weiße amerikanische Frau widmen konnte. In Kapitel 3 werden die Gangsterinnen der 20er und 30er Jahre beschrieben, die manchmal nur „Ganoven-Liebchen“ waren, manchmal aber auch selbst Regie führten bei ihren kriminellen Machenschaften. Sie dienten konservativen Kritikern jener Zeit als Beleg, wozu es führe, wenn Frauen nicht mehr nur Hausfrau seien, sondern Arbeiten gingen und andere Rechte für sich beanspruchten. Kapitel 4 setzt sich mit radikalen Frauen der 60er und 70er Jahre auseinander: die Frauen der bewaffneten Black Panther Party, in der zwar Waffen als Bürgerrecht gerade auch für schwarze Amerikaner hochgehalten wurden, die Frauen der Bewegung aber auch mit Sexismus und Gewalt innerhalb der Bewegung zu kämpfen hatten, werden ebenso behandelt wie die weißen Feministinnen, die zu jener Zeit – man höre und staune – Waffen als Mittel zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, nicht abgeneigt waren. Nach den linken radikalen Frauen geht es in Kapitel 5 dann um die radikal-rechten Frauen. Insbesondere wird auf Frauen in rechten Bürgerwehren (Militias) eingegangen. Das letzte, 6. Kapitel betrachtet die letzte Phase, Ende der 80er Jahre und die 90er (das Buch erschien 2006) anhand zweier Waffenzeitschriften für Frauen: „Womens & Guns“ und „Women’s Outlook“. Während „Womens & Guns“ von ihrer Ausrichtung her durchaus dem Feminismus verpflichtet war und entsprechende Themen aufgriff, beispielsweise auch Schusswaffen als Mittel zur Selbstverteidigung propagierte, war die von der NRA herausgegebene Zeitschrift „Womens Outlook“ sehr viel konservativer, indem sie Schießen als sauberen Freizeitspaß für die ganze Familie darstellte und an andere Frauen-Hochglanzmagazine erinnerte, nur dass die Models eben mit Waffen ausgestattet waren. „Women’s Outlook“ wurde übrigens am Ende jenes Jahres, in dem „Her Best Shot“ erschien – 2006 -, eingestellt.

 

Mein Fazit: ein Muss für jeden, der sich auch für die gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe und Konzepte zum Thema „Frauen und Waffen“ interessiert. Ich habe bei meiner Beschreibung der Kapitel nur einige Punkte herausgegriffen, es werden noch mehr interessante Themen angesprochen. Ich werde in einem weiteren Blogbeitrag noch mal näher auf Inhalte eingehen.

Wenn ich von den Büchern zu diesem Thema nur eines auswählen sollte, das ich übersetzen dürfte, so wäre es „Her Best Shot“. Denn wie fast alle der von mir vorgestellten Bücher ist dieses nur in Englisch erhältlich. Aber auch wenn eine Übersetzung in deutscher Sprache vorliegen würde, so bleibt das Desiderat,  solch ein Werk auch für den deutschsprachigen Raum zu haben.

 

Laura Browder: „Her Best Shot – Women and Guns in America“.The University of North Carolina Press, NC, 2006, 301 Seiten.

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