Klischee sei Dank – der edle Kungfu-Osten und der schießwütige Wilde Westen

29 Jul

Images – Bilder, die wir von anderen haben, beschäftigen mich seit meiner Studienzeit. Ich habe mich eingehend mit dem Chinabild des Westen durch die Geschichte hindurch beschäftigt, ebenso mit dem Tibetbild, war doch Tibet und der Buddhismus in den 90er – und Nullerjahren bei uns sehr in Mode. Momentan ist es vor allem unser Amerikabild, genauer der so genannte Wilde Westen und seine Darstellung in Filmen, die mich beschäftigen. Passender konnte der Galileobeitrag vom Montag, den 27.07.2015 mit dem Titel „USA vs. China – so unterschiedlich leben Kinder“ fast gar nicht auf mich zugeschnitten sein. Denn es ging nicht einfach um irgendwelche Kinder, sondern um einen 10-jährigen chinesischen Jungen, der in einer Kungfu-Schule ausgebildet wird, um im Idealfall später Mal Kungfu-Filmstar zu werden und um ein 16-jähriges amerikanisches Mädchen, das bereits ziemlich weit oben im US-Schießsport angekommen ist. Ihr Name dürfte auch hier in Deutschland fast jedem Schießsportler, der nicht gerade alles außerhalb der olympischen Schießdisziplinen für Teufelszeug hält, ein Begriff sein: Katelyn Francis. Viele kennen die Clips, in denen sie, ein kleines blondes Mädchen (denn sie begann als 5-jährige mit dem Schießen, mit 13 Jahren hatte sie bereits ein sehr gutes Level erreicht und aus jener Zeit stammen auch manche Clips), einen 3-Gun-Parcours (Flinte, Büchse, Pistole) mit solcher Versiertheit meistert, dass man – insbesondere hierzulande, wo Kindern unter 12 das Schießen komplett verwehrt ist – einfach nur staunen kann. Diese Kinder werden nun in jenem Galileo-Beitrag gegenüber gestellt.

Man fragt sich: was soll das? Was soll dieser Vergleich von Äpfeln und Birnen?

Dass hier eine Lebenswirklichkeit von Kindern vom jeweils anderen Ende der Welt, jedes aus einem anderen Kulturraum, verglichen werden soll, kann einfach nicht sein. Wenn, dann vergleicht man Dinge, die halbwegs vergleichbar sind. Warum nicht eins jener wohlbehüteten (Einzel-)Kinder neureicher Chinesen mit einem reichen Hollywood-Kind vergleichen? Oder das arme chinesische Kind mit dem armen amerikanischen? Aber nein, hier sollten ja auch gar keine Kinder auf unterschiedlichen Kontinenten verglichen werden, sondern – wieder mal – die waffenverrückten Amis diskreditiert werden. Was liegt da näher als einem schießenden Kind – noch dazu ein Mädchen(!!!), der Gipfel der Verrücktheit – einen armen kleinen Chinesenjungen gegenüber zu stellen, der hart dafür arbeitet, einmal Kungfu-Star zu werden. Herzlichen Glückwunsch, liebes Galileo-Team, nicht mal Hollywood schafft es, Klischees besser zu bedienen.

Der knapp 15-minütige Beitrag zeigt den Jungen in seiner spartanischen Unterkunft, die er mit anderen Kung-Fu-Schülern des Internats teilt, beim Training und wie er dem Meister seinen Stand der Ausbildung vorführt. Katelyn Francis wird begleitet, wie sie dem Filmteam ihre Waffen zeigt, beim Training mit dem Vater (ihrem Trainer), mit ihrer Familie und mit Freundinnen. Soweit, so gut, wären da nicht die Kommentare von Galileo und die Fragen, die doch nur auf eines hinauslaufen sollen: Der Junge ist ein guter Kampfkunst-Adept, einem Star Wars – Jedi ähnlich, die Amigöre, wenn auch nicht direkt als „schlecht“ zu bezeichnen, hat zumindest ein sehr fragwürdiges Hobby. Sie hantiert mit den Waffen im Keller und – Himmel bewahre! – in ihrem Kinderzimmer rum (Schützen nennen das „dry fire“/Trockentraining und es ist durchaus nichts Ungewöhnliches) und hält das alles für ganz normal (ist es ja auch in weiten Teilen der USA…). Ihr wurde natürlich, es zu unterlassen wäre ein Sakrileg, die Frage nach der Rolle von Schusswaffen bei amerikanischen Amokläufen gestellt, zudem die Frage, ob sie die Waffe auch gegen jemanden benutzen würde. Katelyn ist nicht umsonst eines der Flagschiffe der NRA, ganz routiniert verwies sie auf das Problem des Täters und nicht des Tatmittels, zudem, dass ein Waffe ihr im Falle der Notwehr gegen einen viel größeren und stärkeren Angreifer Chancengleichheit einräumen würde. Aber das würde man so auch von den meisten anderen amerikanischen Waffenbefürwortern hören.

Der Kungfu-Schüler trainiert auch mit Waffen. Keine Schusswaffen natürlich, es handelt sich um Kungfu und zudem befinden wir uns im nominell-kommunistischen China, das privaten Waffenbesitz komplett verbietet. Für Kungfu werden u.a. auch Schwerter verwendet. Keine scharfen, harten Waffen, sondern weiche, biegsame Trainingswaffen. Das gehört zur Tradition, schließlich hatte die Kampfkunst früher einmal einen praktischen Zweck, die Verteidigung, und da machen sich Klingen ganz gut. Nach der Waffe befragt, sagte der chinesische Junge:  „ein Messer ist zum Gemüse schneiden da, wer Waffen als Waffen benutzt ist dumm.“ Brav gesagt, so als zukünftiger edler Weiser. Ich hoffe, seine Akrobatik (denn als solches empfand ich das, was einem im Shaolin-Kloster von den Kungfu-Schülern vorgeführt wurde – effektive waffenlose Selbstverteidigung sieht eher anders aus) hilft ihm, wenn er einmal angegriffen werden sollte, denn das Leben ist kein Kungfu-Film. Allerdings will ich hier kein Kungfu-Bashing betreiben oder den Jungen diskretitieren. Es ist wäre ja nichts Neues, dass Menschen für Sendungen etwas in den Mund gelegt wird, zudem müsste ich mir nochmals anschauen, ob man den chinesischen Originalton verstehen kann, vielleicht sagt er ja was ganz anderes…

Dennoch will ich hier darauf hinweisen, weil Galileo es nicht tat, dass die ärmliche Unterbringung der Schüler das kleinste Problem von solchen Kungfu – oder anderen Sportinternaten ist. Mit Mönchtum, dem Dao, einer Philosophie oder Ähnlichem, was sich ein unbedarfter Westler so darunter vorstellen mag, hat das Ganze nämlich nichts zu tun. Das ist ein knallhartes Training, in dem wenig Rücksicht auf den Körper oder die Psyche der fern ihrer Eltern und heimatlichen Umgebung weilenden Kinder genommen wird. Die Frage, ob sie das wirklich wollen, stellt sich nicht immer, die Eltern geben dafür Geld (viel Geld für Arme) aus und erwarten Leistung. Dabei werden von den tausenden Schülern am Ende nur sehr wenige Erfolg haben, so dass ein enormer Erfolgsdruck auf den Kindern lastet – nicht nur dort, das ist auch in den normalen Schulen so; Die traditionellen Vorstellungen lassen die Kinder das Gesicht verlieren, wenn sie ihre Eltern enttäuschen, noch dazu, weil viele im Zuge der Einkindpolitik das einzige Kind der Eltern sind. Folglich hat China hat eine sehr hohe Selbstmordrate unter Schülern, die aus diesen Wertvorstellungen resultiert. Zudem sind die Chinesen an sich nicht unbedingt Waffenhasser. Die chinesische Gesellschaft kann durchaus zu einem gewissen Grade als militaristisch bezeichnet werden. Die Erstsemester müssen vor dem eigentlichen Studienbeginn an der Uni ein Militärtraining absolvieren (wobei da v.a. im Gleichschritt marschieren gelernt wird), Kinder/Jungen werden sehr gerne mit Spielzeug-Soldaten und –Panzern bedacht und die Episode des Chinesisch-Japanischen Krieges läuft im chinesischen Fernsehen durch Filme und Serien auch nach 70 Jahren noch rauf und runter. Ich bin im Jahre 99/00 von Kindern mit Spielzeugwaffen „beschossen“ worden, wobei sie „di ren!“ („Feinde!“) riefen und habe Babys auf Spielzeugpistolen aus Plastik  rumkauen sehen. Ich erinnere mich auch noch an „Mama Du“ (die Mutter einer Freundin), die im Militärmuseum in Beijing sehr interessiert die Pistolen inspizierte und Gefallen äußerte. Ich frage mich also, wie es in China wäre, wenn kein totales Waffenverbot herrschen würde. Das führt jetzt natürlich zu weit. Ich wollte nur aufzeigen, dass die Sache nicht so eindimensional ist, wie das Fernsehen es gerne darstellt. Normalerweise hat Galileo auch kein Problem damit, kritische Beiträge über China zu verfassen. Aber wenn hier ein östliches „gutes“ Gegenbeispiel zu den waffenverrückten Amerikanern gefunden werden kann, dann soll dass nur recht sein.

Doch was soll an Katelyn Francis schlecht sein? Sie genießt offensichtlich die Unterstützung ihrer Familie, kann mit ihrem Vater trainieren, hat Freunde (und zwar nicht nur in einem Internat), hat Spaß bei der Sache und dazu noch gute Noten. Im Gegensatz zu jenem Kungfu-Schüler, der sich erst noch bewähren muss,  muss sie sich keine Sorgen um ihre Zukunft machen: die NRA, Waffenhersteller und Sportverbände werden sich um sie reißen. Alles richtig gemacht, wie ich finde.

Es ist schon seltsam: Galileo hat schon so einige Beiträge über Schusswaffen gebracht. Eigentlich immer wird moralisierend darüber berichtet, von „fragwürdig“, „tödliche Faszination“ und was es noch alles an sensationsheischenden Betitelungen gibt, gesprochen. Für die Quoten scheint es gut zu sein. Aber es kommt einem ein bisschen so vor, als würden Sexszenen gezeigt und dazu mit erhobenem Finger „pfui, pfui, pfui“ gesagt. Das ist Doppelmoral.

Aber es funktioniert ja so gut bei den abgerichteten Gutmenschen, für die Waffen hundepfui sind. Nach jenem Beitrag explodierten die Kommentare auf Katelyns Facebookseite – viele aus Deutschland, auf Deutsch und mit dem bekannten Waffenbesitzer-Bashing. Geantwortet wurde immer mal wieder,  sehr professionell und sachlich. Einige Male wurde höflich gebeten, uns um unsere deutschen Angelegenheiten zu kümmern und nicht den Amerikanern vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben.

 

Da hatte sie Recht, die Katelyn.

3 thoughts on “Klischee sei Dank – der edle Kungfu-Osten und der schießwütige Wilde Westen

  1. Pingback: Wochenrückblick 31.07.2015 | German Rifle Association

  2. Habe den Beitrag inzwischen auch gesehen. Der ist so typisch für viele deutsche Medien.

    – kennen wir nicht
    – brauchen wir nicht
    – wollen wir nicht

    … also wird es runtergemacht.

    Ich persönlich hätte lieber Katelyn’s Leben und würde nicht mit dem des chinesischen Jungen tauschen wollen. Das Mädchen tut was ihm Spaß macht, ist dabei sehr erfolgreich und hat noch die volle Unterstützung der Eltern.

    Und einige der Kommentare von Deutschen bei auf Katelyns Facebookseite bringen mich dazu mich fremdzuschämen. Wie kann man seine Borniertheit, Ignoranz, Arroganz und Inkompetenz nur so offen zur Schau tragen, wie manche meiner Mitbürger es tun.

  3. Guter Artikel – ich betreibe selbst wing chun Kung Fu und es ist klar, wofür es konzipiert wurde – ganz einfach um die Gegner der Ching abzuschlachten. Da war nichts Edles dabei, einfach brutale Effektivität. Aber die Meisten glauben Spielfilmen mehr, als ihren Verstand einzuschalten oder gar die Geschichtsbücher zu lesen.

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