In Texas, dem Staat der Waffenbesitzer

20 Apr

Das letzte Mal war ich vor 28 Jahren in Texas. Gelebt habe ich dort vor ca. 33 Jahren, als Kind. Unser jetziger Urlaub sollte ein Roadtrip (als Familie) sein, bei dem ich ein wenig auf den Spuren meiner Kindheit wandeln konnte. Und Schießen sollte auch eine Rolle spielen. Also kein reiner „Schießurlaub“, wie man auf Tauchurlaub oder eine Jagdsafari geht. Wir hatten ein Kind, meinen Sohn, dabei – der endlich auch mal „richtig“ schießen wollte, das stand im Vordergrund. Wer also hier einen Bericht über coole Schießtrainings bei Ex-Elite-Soldaten erwartet, wo das ganze Programm der in Deutschland verbotenen Praktiken durchgespielt wird, wird enttäuscht werden.

Natürlich sollte ein Nebeneffekt auch die Recherche sein: die USA insgesamt, aber immer wieder unter besonderer Hervorhebung von Texas, sollen ja laut Vorstellung vieler Deutscher ein Land sein, wo immer noch „wilder Westen“ ist, alle bis an die Zähne bewaffnet sind und erst schießen, dann Fragen stellen. Ich kenne am Beispiel China zur Genüge, wie groß die Differenz vom projektierten Bild eines Landes von Außen und mit völliger Unkenntnis der Verhältnisse und von Innen heraus ist. Gleichzeitig staunt man dabei immer, wie die Wahrnehmung des Eigenen aus deren Perspektive wirkt, eine Wahrnehmung, die man entweder als verzerrt oder dann für sich selbst die eigene Position in Frage stellend sieht. Nur ein Beispiel: als wir „drüben“ waren, stand in jenem Nachrichtenbanner, der die News begleitet, dass Deutschland am Karfreitag auch wieder das 150 Jahre alte Tanz- und Feierverbot einhält. Ein Hauch von Mittelalter wehte mich an und ich dachte: „Himmel, was sind wir denn für Taliban, dürfen die Menschen nicht selbst entscheiden, ob sie, wenn christlich, diese religiöse Vorschrift einhalten wollen oder sich als Atheisten oder Andersgläubige eben nicht darum kümmern?“. Soviel zur Außenwirkung. Und liegt es jetzt nur an der Tatsache, dass ich selbst eher auf Linie der Texaner bin, was die Waffenfrage angeht, oder wird in den Medien tatsächlich ein Bild gezeigt, das vermuten lässt, dass nicht so heiß gegessen wie gekocht wird?

Zunächst fällt auf: Waffen sind weniger „offensichtlich“ als gedacht und als in meiner Erinnerung aus der Kindheit: wir haben keine offen oder verdeckt geführten Waffen gesehen (spricht dafür, dass die Leute tatsächlich und gut verdeckt führen), keine Gun-Racks in den Pick-ups (ok, da haben viele heutzutage verdunkelte Scheiben), keine NRA- oder Pro-Gun Autoaufkleber, Gun-Schilder an Häusern. Mein Eindruck: die haben das gar nicht nötig. Für die, mit denen wir gesprochen haben, ist das so selbstverständlich, dass Waffen zu den USA bzw. Texas gehören, wozu also Propaganda.

Waffengeschäfte oder Gun-Ranges muss man erst im Internet suchen, dann aufsuchen, an denen fährt man in der Regel auch nicht zufällig vorbei.

Wo man aber unweigerlich auf Waffen stößt, ist im allgegenwärtigen Walmart. Die Waffen sind dort immer bei Sportschützen- und Jägerbedarf zu finden, zwischen Angelausrüstung und Soft-, Foot- und sonstigen Bällen. Walmart verkauft nur Langwaffen und das Angebot ist recht eingeschränkt, aber das, was Walmart an Waffen und Schützenbedarf hat, hat er zu unschlagbaren Preisen. Was wir nun auch aus eigener Anschauung bestätigen können: es gibt keine .22er-Munition dort. Auch wenn Schilder aushängen, dass pro Kunde nur 3 Packungen ausgegeben werden dürfen: es gibt überhaupt nichts! Von Gesetz wegen kann in Texas jeder ab 21 Jahren unter Vorlage des Führerscheins (oder der ID-Card) eine Langwaffe erwerben. Die Munition ist frei verkäuflich: Kinder, Ausländer – jeder bekommt sie. Für den Verkauf von Kurzwaffen muss ein Backgroundcheck gemacht werden, was wohl deren Abwesenheit bei Walmart erklärt (die wollen sich damit nicht beschäftigen). Wer diese dann führen möchte, muss einen 2-tägigen Concealed Carry Permit-Kurs absolvieren, dann bekommt er die Permit vom Sheriff ausgestellt. Es darf dann aber auch nur verdeckt getragen werden, das offene Tragen von Kurzwaffen ist in Texas verboten (wobei es nur darum geht, dass etwas über der Waffe ist: wenn das T-Shirt eng ist und die Waffe zu sehen ist, geht das auch), dafür dürfen Langwaffen einfach so offen geführt werden. Wir haben allerdings keine Open-Carry-Aktivisten gesehen.

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Lockhart ist nicht nur für sein BBQ bekannt, sondern hat auch eine Gun Range – die  Lone Star Gun Range -, die von vielen sehr gelobt wird (Preis, Freundlichkeit, Örtlichkeit, Waffenauswahl). Die Range war so, wie ich sie mag: es war ein offener Outdoor-Schießstand, einfach ein Erdwall hinten aufgeschüttet, vorn überdacht mit einzelnen Bahnen. 3 Stände gab es, einen für sehr kurze Distanz (ca. 3-5m), einen für eine mittlere Distanz (5-15m) und einen für eine lange Distanz (bis 50m…ich weiß, für Langwaffenschützen eine Zumutung, aber Amerikaner schießen offensichtlich prinzipiell viel kürzere Distanzen als Deutsche…). Range Officer gab es nicht, die Schützen waren selbst für ihre Sicherheit verantwortlich. Dafür waren die Regeln auf dem uns vorgelegten Formular recht streng, zudem mussten wir alle laut den Satz sagen: „I will not touch any Weapon during ceasefire!“ („ich fasse keine Waffe während „Sicherheit“ an!) – das war ein bisschen wie das Schwören bei Gericht. Aber ok, man war dann „allein“ auf der Range. Obwohl mehrere Schützen, teils mit Anhang, auf den Ständen waren, war die Atmosphäre recht entspannt, und alles funktionierte reibungslos. Wer „Sicherheit“ haben wollte, rief „Ceasefire“, alle gaben ihr ok und man konnte zur Scheibe vorgehen. Das Publikum war sehr gemischt: es gab eine Clique von 30-40-Jährigen beim Schießen, die Typen machten ein bisschen den Macker mit ihren Waffen, die Frauen mit dem Handy Bilder oder Videos. Es waren mehrere Väter/Großväter mit Söhnen/Enkeln da, um sie ins Schießen einzuweisen. Ein älteres Ehepaar (geschätzt zw. 60-70) wurde von einem massigen Typen mit Blackwater-T-Shirt betreut bzw. geschult, beide hatten kleine Kompakt-Pistolen und trainierten offensichtlich Selbstverteidigung mit ihren Waffen (lebensgroße Mannscheibe auf ca. 5 Yards). Uns ging in erster Linie darum, das Kind mal schießen zu lassen, deswegen wählten wir eine Kleinkaliberpistole, die Ruger MK III Lite (die ich auch besitze) und für uns ein 1911er im Kaliber .45. Die Leute waren nett, aber auch etwas reserviert. Nach dem Schießen unterhielten wir uns noch ein wenig mit den Schießstandbetreibern, die waren durchaus interessiert an den „deutschen Verhältnissen“, wie man bei uns an Waffen kommt, was man haben und schießen darf. Wir haben für die 2 Pistolen, 100 Schuss .22 und 50 Schuss .45, Augen- & Gehörschutz sowie Standgebühr für uns drei 54 $ bezahlt, was ein günstiger Preis ist (momentan ist das fast soviel wie in Euro).

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Das nächste Mal besuchten wir „The sharp shooter“ in Corpus Christi: ein Waffenladen mit Indoor-Range. Sehr cooles und gesprächiges Personal dort. Natürlich waren auch alle mit der Army in Deutschland gewesen, konnten auch noch ein paar Sätze und Phrasen Deutsch auspacken. Auch hier war das Interesse an deutschen Waffenverhältnissen groß: es wird wohl oft gedacht, dass wir gar keine Waffen haben dürfen, deswegen sind die Leute meist erstaunt, dass wir nach den für hiesige Verhältnisse sehr hohen Anfangshürden doch einiges an Waffen haben können. Sie staunen, wenn wir sagen, dass wir auch einen Schrank voll Waffen haben. Es kommt zwar sofort die Frage nach der Verfügbarkeit von vollautomatischen Waffen („nein, fallen bei uns unters Kriegswaffengesetz…“), aber mal ehrlich, wer will so was bei den Munitionspreisen hier (in den USA) schießen? (Naja, manche scheinbar doch, in Lockhart hörten wir auf dem Stand daneben Dauerfeuer, aber das waren auch jene Typen, die vor ihren Frauen den Macker machen zu müssen meinten…). Hier hatten wir jedenfalls so richtige Texaner vor uns: die Aussage, dass hier in Texas jeder eine Waffe hätte (ok, ein paar Liberals gibt es hier doch auch, die Waffen nicht zugeneigt sind, besonders die Kapitale Austin gilt als „blauer Punkt in einem Meer von Rot“, also eine demokratische Bastion im republikanischen Texas), stramme Verteidiger des 2nd Amandement und Obama-Hasser. Die nicht verstehen können, wie eine Nation sich im Ernstfall verteidigen können sollte, wenn nicht schon die Jungen lernen, wie man mit einer Waffe umgeht.

Aber gut, wir wollten auch Schießen: damit das Kind auch mal Langwaffe schießen kann nahmen wir ein AR-Klon im Kaliber .22 (S&W M&P 15-22). Und ich wollte unbedingt mal so eine kleine Superkompakte ausprobieren, also nahmen wir die Ruger LCP in .380 mit auf den Stand. Das AR hatte ein Slide-fire-Schaft. Der hätte wahrscheinlich besser funktioniert, wenn die Waffe nicht so verdreckt gewesen wäre (Aber was will man machen bei der Menge an Leihwaffen, die die haben? Da könnten 1-2 Leuten den ganzen Tag putzen und wenn sie durch sind, wieder von vorn beginnen…). Für mich Linkshänder war die Ausrichtung des Schafts mal wieder nicht ideal…Aber egal, das Kind hatte richtig Spaß und „seine“ Waffe (Langwaffe, AR) gefunden. (Mehr dazu im kommenden Blogbeitrag „Das Kind will auch mal richtig schießen“). Mit der Ruger LCP zu schießen war interessant. So klein in der Hand. Und dabei so giftig. Gewöhnungsbedürftig war der Abzug, wer nicht so oft Revolver schießt, muss sich erst an den Double-Action-Abzug der Waffe gewöhnen. Aber dann: auf kurze (also Verteidigungs-)Distanzen zur Selbstverteidigung absolut ausreichend! Das Kind hat auch 3 Schuss damit gemacht. Die Größe war natürlich gut (wobei selbst für ihn klein, womöglich wäre bei seiner Handgröße etwas in der Größe der Glock 26 ideal), wobei ihm der starke Rückstoß nicht ganz behagte. Aber er traf den Zombie (das Kind hatte sich Zombietargets ausgesucht, nun haben wir ein paar schöne durchlöcherte Zombieposter in der Wohnung), Mission erfüllt.

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Am nächsten Tag wollten wir uns einen Waffenladen mit Range ansehen, der sich ungewöhnlich anhörte: Nichols Guns&Drugs. Ja, wirklich, da gibt es Arzneimittel und Waffen nebst Zubehör, alles in einem Laden. Eine Gun Range auch. Zuerst wollten wir dort Schießen gehen und bevor noch irgendwas bezüglich Preisen usw. geklärt werden konnte, bekamen wir ein mehrseitiges Formular unter die Nase gehalten, worin die Regeln verzeichnet waren. Einen kleinen Abschlusstest, den man bestehen musste, gab es auch. Hm, das schien ja einiges strenger als die letzte Range. Aber sie hatten kein AR in .22, das das Kind Schießen wollte, sondern nur einen Repetierer und die eine Waffe plus 100 Schuss hätte uns ca. 60$ gekostet, also ein schlechterer Deal als am Vortag und weniger Spaß. Abgelehnt. Bevor wir wieder zu „the sharp shooter“ fuhren, schauten wir uns noch mal im Laden um. Also wer auf Qualitätswaffen steht, ist hier richtig, der hatte AR’s vom Feinsten und auch eine schöne Auswahl an Kurzwaffen, besonders im Bereich 1911er (sehr schöne Kimbers!). Die 1911er sind in den USA nach wie vor super beliebt, auch zum Führen. Der Manager des Shops zeigte uns seine 1911er (im Gürtelholster) und auf Nachfrage meinte er, das nach seiner Schätzung ca. 50% der Texaner führen: wenn nicht am Körper, so haben viele zumindest eine im Auto liegen (da Amerikaner wenig laufen, ist das dort fast wie Führen ;-)). Auch hier war das Interesse an Deutschland und seinem Waffenrecht groß und er wollte auch dies und das über Waffen in Deutschland wissen. Netter Sidefact, der zeigt, wie entspannt die Leute da sind: Als Zielscheibe bekommt man auf dem Schießstand auch ein Portrait des Shop-Managers.

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Also wieder zu „the sharp shooter“: die freuten sich natürlich, dass wir am nächsten Tag schon wieder kamen. Das AR war da, wir nahmen noch eine Ruger SR22 mit (die waren auch großzügig zu uns, eigentlich bekommt man für 10 $ immer eine Waffe mit auf den Stand, die man aber wechseln darf, so oft man möchte), das Kind suchte sich wieder Zombie-Schießscheiben (andere diesmal) aus und will die Waffe diesmal – sichtlich stolz – selbst tragen. Interessant auch: der Manager von „the sharp shooter“ sprach auch über den Frauen-Dienstag, den sie bei „the sharp shooter“ anbieten, er meinte (zu mir!), das war vorgestern, wir seien „sicher“. er gebe zwar die „Einweisungen“, aber dennoch bekommt er es da mit der Angst zu tun. Ein letztes Mal auf Zombies schießen, dann waren unsere Schiesserlebnisse in den USA auch wieder vorbei.

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Wir hatten Spaß und die Atmosphäre war eigentlich auf beiden Schießstätten, die wir besucht haben, entspannt und vermittelten gleichzeitig ein sicheres Gefühl. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass man als Deutscher auch einen gewissen Vertrauensvorschuss bekommt. Wer in einem Land, wo man deutlich schwerer als in den USA an Waffen rankommt, welche hat, der muss was können. Schien auch nicht von der Hand zu weisen zu sein. Mein Freund meinte es ja schon im Vorfeld: „die Texaner schießen viel, aber schlecht!“. Ich bin nun wahrlich kein Meisterschütze und Wettkampfschütze schon gar nicht, aber das, was ich trainiere (und das ist nicht Präzision 25m…), kann ich auf einer soliden Basis. Wenn man sich aber die für unsere Verhältnisse wahrlich übergroßen Scheiben (Mannscheiben werden sehr oft benutzt), die meist in sehr kurzen Distanzen aufgestellt werden (also mit Kurzwaffe stellt kaum einer die Scheibe weiter als 5m auf, bei Langwaffe dürfen es dann schon auch mal 15m sein…) ansieht, dann kommt einem schon mal der Gedanke, dass so mancher statt einer weiteren Waffe lieber ein paar Dollar in einen vernünftigen Trainer investieren sollte.

Aber wenn der Spaß da ist, ist das ja die Hauptsache und den Angreifer auf 5m irgendwo zu treffen, bekommen die meisten dann auch noch hin.

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