Historische Fundstücke: Der Revolutionär darf seine Waffe behalten

29 Mai

Potz Blitz! Da kann man sich nur wundern – Andere Länder und Zeiten, andere Sitten!

„Bakunin schrieb am 29. September 1870 an Louis Palix, er wäre festgenommen worden ‚von einem sehr hässlichen Herrn, in Zivil gekleidet, der [ihn] von Nationalgarden bürgerlicher Kompagnien ergreifen ließ.’ Er konnte sich nicht verteidigen und wurde zur nächsten Wache geführt. ‚Tatsache ist, dass diese Herren alle meine Taschen durchsucht haben, und zwar mit einer Sicherheit und einer Gewandtheit, die mir bewiesen, dass sie keine Amateure sind […]. Die einen haben mich in jeder Hinsicht brutal behandelt, mich geschubst, gestoßen, gekniffen und mir die Arme und Hände verdreht. Ich muss dennoch zugeben, dass andere gerufen haben ‚Tut ihm nicht weh’.’ Seine Papiere und weitere Gegenstände wurden ihm weggenommen, sein Notizbuch und sein Portemonnaie mit 165 Francs und ein paar Sous, ‚die sicherlich in den Händen dieser Herren geblieben sind. Sollten die Bourgeois etwa anfangen, den Kommunismus zu praktizieren? Das wäre sicher lehrreich und wunderlich.’ Fügte Bakunin hinzu. Man ließ ihm jedoch seinen Revolver.“

(M Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit. Paris, 1990. S. 391.)

Das ist wirklich erstaunlich. Heute wäre es eher anders herum. Oder eher: Alles wäre erst mal weg. Aber dass man einen Revolver bei einem Revolutionär belässt, das wäre unmöglich.

 

Was war der historische Hintergrund dieses Vorkommnisses?

 

Dies war während des Aufstandes in Lyon geschehen, zu dem Bakunin eigens angereist war. Der Deutsch-Französischen Krieg bildet den Hintergrund dieses Aufstandes.
Zwischen Frankreich und Preußen war es zu einem Streit über die spanische Thronkandidatur eines Hohenzollernprinzen gekommen, weswegen der französische Kaiser Napoleon III. Preußen am 19. Juli 1870 den Krieg erklärte.
Aufgrund der schieren Übermacht ihres Gegners wurde die französische Armee innerhalb von nur wenigen Wochen geschlagen. Auch Napoleon III. konnte am 2. September 1870 gefangen genommen werden. Hiermit endete zeitgleich das zweite Kaiserreich und Frankreich wurde zur Republik.

Lyon war auch in Frankreich schon lange etwas Besonderes gewesen, insbesondere rebellisch. Zu Zeit der industriellen Revolution entwickelte sich Lyon zu einer florierenden Industriestadt mit einer entsprechend hohen Zahl an Arbeitern. Revolutionäre – wie u.a. Bakunin – sahen hier die Möglichkeit zur Errichtung einer anderen Gesellschaftsform als eine Herrschaft der Bourgeois. Allerdings gab es, wie zu erwarten, große Meinungsverschiedenheiten, wie diese Gesellschaftsform aussehen könnte und in Allianz mit welchen Bevölkerungsgruppen. Letztlich ist dieser Aufstand gescheitert, Bakunin musste zurück in die Schweiz flüchten.

 

Wer war Bakunin?

 

Michail Alexandrowitsch Bakunin war ein russischer Aristokrat, Anarchist und Revolutionär. 1814 in Prjamuchino geboren, war er zunächst russischer Offizier, lernte aber beim Militär den Staat hassen. Er studierte Philosophie zunächst in Moskau, dann in Deutschland und kam sowohl in Russland wie auch ganz Westeuropa mit revolutionären Persönlichkeiten in Kontakt. Er beteiligte sich an den Revolutionen von 1848/49 und wurde 1849 inhaftiert: Er verbrachte sein Leben bis 1861 in Kerkerhaft in Deutschland, Österreich und später Russland, die letzten 4 Jahre dann in Verbannung in Sibirien, von wo er 1861 zurück nach Europa fliehen konnte. Die Kerkerhaft hatte den imposanten Hünen körperlich schwer beschädigt, sein revolutionärer Geist war aber ungebrochen, so dass er seine revolutionären Tätigkeiten wider aufnahm. Er schrieb und korrespondierte viel, stand mit revolutionären Gruppen in ganz Europa in Kontakt und wollte das Feuer der Revolution entzünden. Zu seinen Lebzeiten erreichte er dieses Ziel nicht mehr und er starb 1873 – ohne Revolution und mittellos, wie er fast sein ganzes Leben lang gewesen war.

Interessant ist zudem noch Bakunins Gegnerschaft mit Karl Marx: Als freiheitsliebender Mensch lehnte er die autoritären Vorstellungen von Marx ab und dieser arbeitete mit allerlei List, Lügen und Intrigen daran, Bakunins Einfluss in der Internationalen zu minimieren und ihn zu diskreditieren (und letztlich seinen Ausschluss zu erwirken).

Im Gegensatz zu anderen revolutionären Denkern wie beispielsweise Proudhon, dem Frauen herzlich egal waren, trat Bakunin auch für Gleichstellung der Frau und der Abschaffung der legalen Ehe ein, die durch eine „freie Ehe“, also den freiwilligen Bund zweier Menschen, ersetzt werden sollte (im Gegensatz zu den damals üblichen arrangierten Ehen, die oft eher unter Zwang oder aus Konvention geschlossen wurden).

Bakunin trat, wie es sich für einen Revolutionär gehört, für die Volksbewaffnung ein, denn er hielt sie für eine Bedingung für den Erfolg der Revolution. Auch vor jenem Aufstand in Lyon war die Bewaffnung ein großes Thema: Bei Versammlungen im Vorfeld des Aufstandes von Lyon wurde versucht, ein Freiwilligen- Bataillon zusammen zu stellen, das sich aus den Nationalgarden rekrutierte, da der Militärgouverneur es ablehnte, Freischäler oder Sondereinheiten zu bewaffnen.

Letztlich war Bakunin aber ein Menschenfreund, der zwar in der Revolution Gewalt gegen Sachen, besonders Objekte des Staates, befürwortete, aber Gewalt gegen Menschen ablehnte.

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