Experten – Nur leider zum falschen Thema

30 Apr

In unserer medialen Zeit heutzutage sind offensichtlich alle Experten für alles. Man kann alles im Internet nachlesen (vorzugsweise auf Wikipedia…) und den Rest lernt man eben aus Film und Fernsehen. Wie durch Zufall erschienen heute zwei weitere Blogbeiträge, in denen die Verfasser auf Schusswaffengebrauch in Actionfilmen und deren Auswirkungen auf Politiker und sonstige Unbedarfte verweisen.

Die Kommentare von Unbedarften im Internet, die wieder mal ihre Filmwahrheiten zum Besten geben („hätte er nicht ins Bein schießen können???“) nerven zwar, sind aber nicht so schlimm, als wenn vermeintliche „Fachleute“ solchen Unsinn zum Besten geben.

 

Um was geht es?

 

Es gab wieder einmal einen Fall von mutmaßlicher Notwehr mit Schusswaffe in Deutschland. Ein 63-jähriger Jäger erschoss einen 18 Jahre alten Einbrecher, der mit einem Messer bewaffnet gewesen sein soll und über eine Leiter in den 1. Stock in das Haus eingestiegen war. Soweit die Fakten, wie sie von der Presse kolportiert wurden.

 

Jedenfalls fühlte sich eine Rechtsanwaltskanzlei bemüßigt, auf Facebook dazu Stellung zu beziehen, verbunden mit einer „Werbung“, sie würden Jäger rechtlich beraten. Der Text liest sich folgendermaßen:

 

Auch wer als Jäger oder Sportschütze berechtigt über eine Schusswaffe verfügt, darf diese im Rahmen der Notwehr nicht unbedingt und „hemmungslos“ einsetzen. Die Erlaubnis zum Waffenbesitz wird für einen eng umgrenzten Zweck, d. h. bei Jägern für die Jagdausübung erteilt. Wer eine legale Waffe im Rahmen der Verteidigung von Haus und Hof gegen Einbrecher einsetzt, wird in jedem Falle seine waffenrechtlichen Erlaubnisse verlieren und ein Strafverfahren auf sich ziehen, wenn ihm mildere Mittel zur Verfügung gestanden hätte, die Einbrecher zu vertreiben. Wer ein so guter Schütze ist, dass er dem Einbrecher in den Kopf schießen kann, dem kann auch zugemutet werden, erst einen Warnschuß abzugeben und dem Einbrecher dann ggf. ins Bein zu schießen. Bei rechtlichen Fragen rund um das Thema Jagd beraten wir Euch gerne.

 

Zunächst einmal sei angemerkt, dass man sich nur wundern kann, wie stümperhaft „Fachleute“ sich mit dem Notwehrrecht auskennen, das für jeden Bürger eigentlich so elementar sein sollte, dass er es im Schlaf rückwärts hersagen können sollte. Hierzu möchte ich nur den Kommentar von Katja Triebel, den sie unter den Post gesetzt hat, nebst Link zitieren:

Sie irren vollständig. Es gibt keine Verhältnismäßigkeit bei echten Notwehrsituationen: Eine Verhältnismäßigkeit zwischen Angriff(smittel) und Gegenwehr ist eben im deutschen Strafrecht nicht vorgesehen. Sofern hier kein völliges Missverhältnis vorliegt, kann sich der Angegriffene des Abwehrmittels bedienen, das ihm zur Verfügung steht und geeignet ist, den Angriff sofort zu stoppen. Das Risiko trägt der Angreifer. Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.
http://blog.beck.de/…/recht-braucht-dem-unrecht-nicht…

 

 

Der Post wurde auf die Reaktionen hin bearbeitet, das verbesserte die Sache aber nicht wesentlich. Auch dass in dem Beitrag und in einem Kommentar der Kanzlei gleich 2x auf die Bildzeitung verwiesen wurde, trägt nicht gerade dazu bei, einen seriösen Eindruck zu hinterlassen. Wie der Verfasser auf einen „hemmungslosen“ Einsatz der Schusswaffe kommt, bleibt ebenso im Dunkeln wie die Kenntnis, wo und wann er im Studium gelernt haben will, dass die waffenrechtliche Erlaubnis weg ist, wenn man sich mit einer legalen Waffe verteidigt – vorausgesetzt es handelt sich erwiesenermaßen um Notwehr.

Der Verweis auf die Rechtsprechung, die anders ausfallen könne, als man annähme, legt der „Anwalt“ aber genau entgegengesetzt zu vielen Bürgern aus: Er sieht wohl eine zu laxe Urteilssprechung am Werk und verweist auf den Fall des von 5 Einbrechern bedrohten und geschlagenen 77 jährigen, der einem der Einbrecher in den Rücken schoss und „nur“ 9 Monate auf Bewährung dafür erhielt, während viele Menschen in diesem Lande eher meinen, dass die Täter zu gut wegkommen und Opfer, die sich wehren, bestraft werden.

 

Mein Hauptaugenmerk liegt aber auf einem anderen Sachverhalt, nämlich der Aussage:

 

Wer ein so guter Schütze ist, dass er dem Einbrecher in den Kopf schießen kann, dem kann auch zugemutet werden, erst einen Warnschuß abzugeben und dem Einbrecher dann ggf. ins Bein zu schießen.“

 

Da bleibt einem nur zu sagen: This is so wrong on so many levels…

 

Denn hier sieht man deutlich, dass die Rechtsanwälte ein Terrain betreten, sich zu einem Thema auslassen, das leider weit außerhalb ihres Kompetenzbereiches liegt. Es ist zwar Aufgabe der Justiz festzustellen, ob ein gegenwärtiger, andauernder und rechtswidriger Angriff vorgelegen hat, aber was mögliche oder unmögliche Szenarien einer Bedrohungslage und der Selbstverteidigung sind, gehört wohl nicht zum Curriculum eines Jurastudiums. Und dennoch befinden Richter und Anwälte darüber, ob eine Notwehr nun angebracht war, ob sie „milder“ hätte ausfallen können oder ob es ein Notwehrexzess war.

Leider scheint die Bewertung dessen immer öfter nicht mit Sachkenntnis gefällt zu werden, sondern durch einen Wissensfundus, der sich in Film und Fernsehen erschöpft. Anders kann ich mir jenes immer und immer wieder wiederholte Gefasel von „Warnschuss“ und „Beinschuss“ nicht erklären. Wer sein Leben durch einen Aggressor mit Messer bedroht sieht, eine Schusswaffe in Händen hält und nur wenige Meter von seinem Angreifer entfernt ist, wird, wenn er über entsprechendes Wissen verfügt, einen Teufel tun und Warn- und Beinschüsse abgeben.

 

Warum?

 

Hier 5 Gründe:

  1. Messer sind tödlicher

„Laut einer FBI-Statistik über Polizisten, die in Kämpfen getötet wurden, starben nur 10% von denen, die angeschossen wurden, aber 30% von denen, die mit einem Messer angegriffen wurden“

  1. Messer haben keine Schusslinie

„Eine Schusswaffe kann dich nur töten, wenn du dich in der direkten Flugbahn der Kugel befindest. Das erklärt auch, warum sogar bei Distanzen, die nur ca. 3-6m betragen, nur eine von vier Kugeln überhaupt das Ziel trifft – und die Statistik bezieht sich auf trainierte Polizisten! – Aber Messer können aus jedem Winkel tödliche Verletzungen zufügen – und sie verfehlen ihr Ziel nicht.“

  1. Messern geht die Munition nicht aus

„In einer Nahkampfsituation kann man 3 bis 5 Mal pro Sekunde von Stichen getroffen werden. Eine Kurzwaffe hat nur bis zu etwa 15 Schuss. Wenn Du nicht hinter einer Deckung bist oder  weit genug weg, um nachzuladen, ist das alles, was Du hast. …Wenn man dann noch bedenkt, dass es mehrere Treffer benötigen kann, um den Angreifer tatsächlich zu stoppen, dann findest du dich in einer Situation wieder, in der dein Magazin leer ist und der wütende Kriminelle immer noch ein Messer hat, dem das Metal nicht ausgehen wird.“

  1. Messer erfordern keine Fähigkeiten, um sie zu nutzen

„Seit unserer Kindheit haben wir die natürliche Fähigkeit erworben, ein Messer zu halten und damit zu schneiden. Während es sehr viel Trainings bedarf, ein Experte in der Handhabung von Schusswaffen zu werden, kann jeder Dreckskerl mit einem spitzen Stück Metall die Klinge mit den plumpesten Bewegungen wie ein Meister beherrschen. Zudem üben die meisten Waffenbesitzer auf dem Schießstand nur das Zielscheibenschießen und sind somit nicht darauf vorbereitet, in einer Nahkampfsituation zu schießen.“

  1. Messer „warnen“ nicht

„Messer können nicht nur leichter verborgen und einfacher gezogen werden, sie sind dazu noch stille Killer. Wenn ein Schuss abgegeben wird, weißt du, dass du dich in einem Feuerkampf befindest. Aber viele Opfer von Messerattacken erzählen, dass sie nicht mal wussten, dass auf sie eingestochen wurde – bis es zu spät war. Wenn dann noch ein Adrenalin-Schub dazu kommt, dann spürst du vielleicht nicht mal, dass auf dich eingestochen wurde und denkst, Du wurdest geschlagen.“

 

Ein Beinschuss ist mitnichten ein Garant dafür, dass der Angreifer außer Gefecht gesetzt ist, ja nicht einmal dafür, dass er nicht mehr laufen kann. Wenn Drogenkonsum im Spiel ist,  umso weniger, da können sogar mehrere Körpertreffer u.U. erst mal wenig Wirkung erzielen.

Die Hinweise zu Bein- und Warnschüssen sind also gut gemeint, aber so realitätsfern, dass man dem Opfer auch gleich empfehlen könnte, mit dem Einbrecher eine Tasse Tee zu trinken.

Wer auch nur ein Mindestmaß an Ahnung von Selbstverteidigung, Schusswaffen und Ballistik hat, wird auf Treffer in Rumpf und Kopf setzen, denn nur diese vermögen einen Angreifer wirkungsvoll zu stoppen.

Dieselbe Kritik wird auch immer dann laut, wenn Polizisten einen Messerangreifer tödlich verletzen. In den Kommentaren wird dann immer in wohlmeinender Entrüstung gefragt, warum die Polizei nicht auf die Beine geschossen hat. Ja, warum wohl? Weil Polizisten eben, wie auch Militärangehörige und Sicherheitsleute, sowie viele Sportschützen und Jäger ihr Wissen über Waffen, Munition und deren Wirkung eben nicht nur aus Film und Fernsehen beziehen, sondern darin geschult sind, was in der Realität funktioniert und was nicht. Es gibt nun schon viele Jahrzehnte Polizeiberichte von Straftaten, Überfällen, Angriffen und erfolgreichen und nicht erfolgreichen Fällen von Notwehr – und natürlich gibt es Bücher von Kriminologen, in denen die Ergebnisse von Untersuchungen in diesem Feld dargelegt sind. Die Sachlage ist ziemlich eindeutig und trotzdem werden gerade auch von der Polizei völlig realitätsferne „Tipps“ gegeben. Dies halte ich für politisch so vorgegeben und gewollt, denn vom Bürger ausgehende Gewalt, auch wenn sie als Gegengewalt, sprich Abwehr von Gewalt, gerechtfertigt und notwendig ist, ist nicht gewünscht.

Dass die Justiz immer öfter realitätsferne Urteile fällt, in denen das wehrhafte Opfer bestraft wird, fällt zwar auch unter „politisch/ideologisch gewollt“, andererseits könnte es auch damit zusammen hängen, dass ein immer geringerer Anteil der Bevölkerung durch den Militärdienst beispielsweise auch nur wenigstens Grundkenntnisse über Waffen und Verteidigung erwirbt. Im gleichen Maße, wie diese Kenntnisse in den letzten 50 Jahren abgenommen haben, stieg das kontinuierliche Ausgesetzt- Sein jener ballistischen Schein-Realität der Bildschirme. Das sind allerdings nur Mutmaßungen von mir. Allerdings legt jener Spiegel-Artikel von 1985 nahe, dass Richter vor 30 Jahren die Sache noch anders sahen und durchaus zugunsten der Opfer entschieden. Ob die Beweggründe darin lagen, dass sie die Gefahr eines (bewaffneten) Angreifers noch besser einschätzen konnten als heute oder ob sie dachten, dass es ja keinen Unschuldigen getroffen hat, vermag ich nicht zu sagen.

Richtersprüche und die Einschätzungen mancher Rechtsanwälte von heute legen jedenfalls nahe, dass die Annahmen, die sie einer Verhältnismäßigkeit der Mittel zugrunde legen, oft realitätsfremd sind.

Anwälte spezialisieren sich auf bestimmte Bereiche, insofern ist jedem anzuraten, sich einen sachkundigen Anwalt für das jeweilige Themengebiet zu suchen. Besagte Anwaltskanzlei hat sich mit einem Facebookpost bei wohl so ziemlich allen Waffenbesitzern, die davon erfahren haben, disqualifiziert. Insofern sollte man heutzutage als Unternehmer oder Selbstständiger gut überlegen, was man postet und dass man solche Posts vielleicht besser nicht von den Anwaltsgehilfen schreiben lässt….

 

4 thoughts on “Experten – Nur leider zum falschen Thema

  1. Pingback: Der Schuß in’s Schwarze | Waffen – Waffenbesitzer – Waffenrecht

  2. Richtig………….
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    Zitat :
    Zudem üben die meisten Waffenbesitzer auf dem Schießstand nur das Zielscheibenschießen und sind somit nicht darauf vorbereitet, in einer Nahkampfsituation zu schießen.“
    ————————————————–

    Es ist unsinnig lange zuzuwarten, gerade wenn ein Messer in Spiel ist …….mit dem der Einbrecher das Opfer auch noch lautlos abstechen könnte und ihm so noch Vorteile bringt.
    Sobald der Einbrecher mit seiner Vorgehensweise den Einbruch vollendet, …….abwehren mit allen Mitteln.

    Auf lange Distanz ist es dann halt notgedrungen oft quasi ein Warnschuss, da man noch nicht getroffen hat, noch nicht treffen konnte, aber dann…… gibt’s keine Ausflüchte mehr.

    Was dieser 63 jährige tat war wohl eher Zufall denn seiner Präzision zuzuschreiben.
    Aber Chapeau, er hat es gut gemacht.

    • Natürlich war das, wie immer in dynamischen Lagen, ein Zufallstreffer. Niemand mit tewas Einsatzerfahrung wird behaupten wollen in solchen Bewegungen fiele der Abkomm- mit dem Treffpunkt zusammen.

      Dem Jäger daher einen „gezielten“ Schus zu unterstellen ist hoplophober Unfug vom Feinsten.

  3. Grundkenntnisse in Anatomie scheint die „in’s Bein schiessen“ Fraktion auch nicht zu haben: aorta femoralis… wenn die getroffen wird, dann ist der Einbrecher genauso tot wie mit Kopfschuss, dauert halt noch 2-3 Minuten

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