Don’t bring a knife to a gun fight – ach, wirklich?

7 Sep

Am Sonntagnachmittag vor zwei Wochen ist mal wieder ein Mensch in Berlin getötet worden, wieder mal am Alexanderplatz. Tötungsdelikte mit Schusswaffen sind, so sehr die Befürworter schärferer Schusswaffengesetze uns das glauben machen wollen, in Deutschland eher selten – Attacken mit Messern kommen dagegen häufiger vor.

Auch wenn das Waffengesetz im Bezug auf Messer 2008 verschärft  und einige Messer gänzlich, andere zu führen verboten wurden, so ist zum einen die Zweckmäßigkeit, manche Messer zu verbieten,  zum anderen die Durchsetzbarkeit äußerst fraglich. Zweckmäßigkeit deswegen, weil auch mit den zu führen erlaubten Messern Menschen getötet werden können: ich brauche keinen zweischneidigen, 20cm-langen Dolch, um jemandem die Halsschlagader durchzuschneiden, dazu genügt ein ganz kleines Messer. Und zu der Durchsetzbarkeit: sie gibt sie den Beamten angeblich „Handlungssicherheit“, um „bei Verdächtigen härter durchgreifen zu können“. Schön für die Beamten.

Auch hier gilt, wie bei Schusswaffen: das Werkzeug ist nicht „böse“, nur sein Anwender.

Ich bekenne es: ein Messer gehört unverzichtbar zu meinem EDC (eines, das ich laut Waffengesetz führen darf, natürlich!). Das liegt zum einen daran, dass ich seit meiner Kindheit ein Faible für Messer habe. Und weil sie einfach vielseitig einsetzbare Werkzeuge sind. Dass ein Messer ein unverzichtbarer Bestandteil meines EDC ist, hat mir meine Zeit in China gelehrt: viele Verpackungen waren ohne Messer praktisch nicht zu öffnen. Aber auch hier in Deutschland ist ein Messer nützlich, sei es um das Brötchen unterwegs aufzuschneiden, Obst und Gemüse zu schälen, zu zerteilen usw. Und dennoch habe ich kein Schweizer Taschenmesser dabei, das ja für die oben genannten Fälle auch ausreichen würde, sondern eines mit feststehender Klinge in Kydex-Scheide. Weil ich es als letzte Option dann doch zur Selbstverteidigung nutzen könnte.

All den Anti-Schusswaffen-Lobbyisten ist wohl nämlich nicht klar, dass Messer in gewisser Hinsicht die gefährlichere Waffe sind. Vor ein paar Tagen fand ich im Netz einen Beitrag, der „5 Gründe, warum ein Messer gefährlicher ist als seine Schusswaffe“ auflistet.

1. Messer sind tödlicher

„Laut einer FBI-Statistik über Polizisten, die in Kämpfen getötet wurden, starben nur 10% von denen, die angeschossen wurden, aber 30% von denen, die mit einem Messer angegriffen wurden“

2. Messer haben keine Schusslinie

„Eine Schusswaffe kann dich nur töten, wenn du dich in der direkten Flugbahn der Kugel befindest. Das erklärt auch, warum sogar bei Distanzen, die nur ca. 3-6m betragen, nur eine von vier Kugeln überhaupt das Ziel trifft – und die Statistik bezieht sich auf trainierte Polizisten! – Aber Messer können aus jedem Winkel tödliche Verletzungen zufügen – und sie verfehlen ihr Ziel nicht.“

3. Messern geht die Munition nicht aus

„In einer Nahkampfsituation kann man 3 bis 5 Mal pro Sekunde von Stichen getroffen werden. Eine Kurzwaffe hat nur bis zu etwa 15 Schuss. Wenn Du nicht hinter einer Deckung bist oder  weit genug weg, um nachzuladen, ist das alles, was Du hast. …Wenn man dann noch bedenkt, dass es mehrere Treffer benötigen kann, um den Angreifer tatsächlich zu stoppen, dann findest du dich in einer Situation wieder, in der dein Magazin leer ist und der wütende Kriminelle immer noch ein Messer hat, dem das Metal nicht ausgehen wird.“

 4. Messer erfordern keine Fähigkeiten, um sie zu nutzen

„Seit unserer Kindheit haben wir die natürliche Fähigkeit erworben, ein Messer zu halten und damit zu schneiden. Während es sehr viel Trainings bedarf, ein Experte in der Handhabung von Schusswaffen zu werden, kann jeder Dreckskerl mit einem spitzen Stück Metall die Klinge mit den plumpesten Bewegungen wie ein Meister beherrschen. Zudem üben die meisten Waffenbesitzer auf dem Schießstand nur das Zielscheibenschießen und sind somit nicht darauf vorbereitet, in einer Nahkampfsituation zu schießen.“

5. Messer „warnen“ nicht

„Messer können nicht nur leichter verborgen und einfacher gezogen werden, sie sind dazu noch stille Killer. Wenn ein Schuss abgegeben wird, weißt du, dass du dich in einem Feuerkampf befindest. Aber viele Opfer von Messerattacken erzählen, dass sie nicht mal wussten, dass auf sie eingestochen wurde – bis es zu spät war. Wenn dann noch ein Adrenalin-Schub dazu kommt, dann spürst du vielleicht nicht mal, dass auf dich eingestochen wurde und denkst, Du wurdest geschlagen.“

 

 

Auch in diesen Zusammenhang passen die Berichte, in denen Polizisten eine gefährliche Person mit Messer erschossen haben (hier passt natürlich der Fall mit dem nackten, geistig verwirrten Messerschwinger im Brunnen am Alexanderplatz von der Location her prächtig dazu!) und von ahnungslosen Wohlmeinenden immer der Aufschrei kommt: „er hatte doch NUR ein Messer und wurde von einer SCHUSSWAFFE getötet!“. Es ist eben nicht „nur“ ein Messer, dieses kann als tödliche Waffe eingesetzt werden. Versuche zeigen aber, dass bis zu einer Distanz von 7m der Angreifer mit dem Messer schneller ist, als der Verteidiger mit der  Schusswaffe, der diese erst noch ziehen muss. Jeder Trainer waffenloser Selbstverteidigung, der nicht an Größenwahn und Selbstüberschätzung leidet, wird dir raten, bei einem Messerangriff lieber auf schnelle Füße zu setzen – und wegzurennen, wenn es irgendwie möglich ist. Was einem als Verteidigung gegen Messerattacken gezeigt wird, sollte eben dann zur Anwendung kommen, wenn Flucht nicht mehr möglich ist – also als schlechtere Option. Und er wird dir sagen, dass du nicht versuchen sollst, den Helden zu spielen. (Hier noch ein ganz interessanter Artikel zur Messerabwehr: der Autor setzt den Fokus ganz klar auf die Achtsamkeit im Vorfeld, so dass es gar nicht zu einer Abwehrsituation kommen muss)

Soviel also in Kürze zu dem Messer als Angriffswaffe. Ich will damit nun bestimmt nicht sagen, dass Messerbesitz und das Führen von Messern restriktiver gehandhabt werden müssen. Denn es würde wie immer nur die treffen, die sich an Gesetze halten. Diejenigen, die Waffen mit schlechten Intensionen führen, pfeifen ohnehin auf Recht und Gesetz. Aber die von vielen ach so sehr  verteufelte Schusswaffe ist keine magische Wunderwaffe und das allgegenwärtige Messer nur wegen seiner allgemeinen Verfügbarkeit nicht harmlos.

 

 

6 thoughts on “Don’t bring a knife to a gun fight – ach, wirklich?

  1. „Und zu der Durchsetzbarkeit: sie gibt sie den Beamten angeblich „Handlungssicherheit“, um „bei Verdächtigen härter durchgreifen zu können“. Schön für die Beamten.“
    Dazu noch eine Anmerkung: Bereits vor der der Verschärfung bzgl. Messer hatten (und haben) die Beamten das Recht gefährliche Gegenstände zu konfiszieren. Das betrifft auch Gegenstände, die vom Waffenrecht nicht erfasst werden, z.B. einen Baseball Schläger, wenn offensichtlich ist, dass er als Schlagwaffen eingesetzt werden soll.
    Diese Verschärfung bzgl Messer war also (mal wieder) unsinniger Müll, der keine Rechtssicherheit geschaffen hat (die bestand nämlich schon vorher), sondern nur mal eben wieder zig Millionen rechtschaffende Bürger kriminalisiert hat.

  2. Pingback: Es ist doch nur ein Messer | Waffen – Waffenbesitzer – Waffenrecht

  3. Ich möchte mal etwas zum Thema „Messerkontrolle“ schreiben, was so weder von der Polizei noch von Waffenbefürworten normalerweise gesagt wird aber meines Erachtens nach einfach des Pudels Kern trifft: Gesetze MÜSSEN völlig neutral formuliert sein. Sie dürfen niemanden diskriminieren. Daher ist ein Gesetz „gegen zwielichtig aussehende Typen“ natürlich unmöglich zu erlassen. Anders sieht das mit der polizeilichen Praxis aus. Was ich damit sagen will? Wenn ich gewohnheitsmäßig ein Messer führe und mich dabei in einem Industriegebiet befinde und einen korrekten Geschäfts-Anzug trage, werde ich NIEMALS von einem Polizisten auf ein Messer hin kontrolliert werden. Wenn ich mit abgerissenen Klamotten nachts um drei hinter dem Bahnhof herumlungere – dann schon. Solange die eigentliche Zielgruppe eines Gesetzes im Text nicht vorkommen DARF. müssen wir mit den – oft wenig sinnreichen – Behelfsformulierungen halt auskommen. Das ist halt der Preis der „politischen Korrektheit“.

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