Die Privilegierten und der dreckige Rest

24 Feb

Gestern las und teilte ich auf Facebook einen am 23.02.17 erschienen Beitrag im Tagesspiegel mit dem schönen Titel „Berlin rüstet auf“. Eine interessante Lektüre; Die momentan sehr medienwirksam für Selbstschutz trommelnde Carolin Matthie kommt in einem Abschnitt (3) vor und die junge Frau ist eine sehr gute Botschafterin für die Sache des Selbstschutzes.

An den Kopf fassen musste ich mir aber bei Abschnitt 6 –  jenen über Michael Kuhr, „Bodyguard-der-selbst-Promi-ist/sein will“ aus Berlin. Der Einfachheit halber zitiere ich jenen Abschnitt:

Sechstens. Freitagmorgen im Restaurant Spinner-Brücke am Wannsee. Zum Frühstück bestellt Michael Kuhr, 54, Strammen Max mit drei Spiegeleiern. Kuhr ist sechsfacher Weltmeister im Kickboxen, heute leitet er ein Sicherheitsunternehmen. Seine Leute bewachen die Mall of Berlin, den Zoo, den Tierpark sowie das Estrel-Hotel, dazu mehrere Clubs in der Stadt. Er kennt sich aus mit Waffen. Und damit, was sie auf der Straße anrichten können, wie sie eine Stadt verändern. Seit Jahren warnt Kuhr, den Kriminellen in Berlin werde es zu leicht gemacht. Den Clans und Rockern, den Tunichtguten an der Straßenecke, den Verrohten und den Durchgedrehten. Kuhr fordert mehr Polizei und mehr Videoüberwachung. Als er im Dezember die Aufnahmen des Mannes sah, der am U-Bahnhof Hermannstraße eine Frau die Treppe herunterschubste, setzte Kuhr ein Kopfgeld von 2000 Euro aus für denjenigen, der Hinweise auf den Täter liefern würde. Das Geld hat er inzwischen bezahlt.

Michael Kuhr versteht, dass sich Menschen in Berlin zunehmend unsicher fühlen. Die Idee, sich den Kleinen Waffenschein und eine Schreckschusspistole zu besorgen, nennt er trotzdem „komplett irre“. Auch er sagt: Ungeübte sollten die Finger davon lassen. Ginge es nach ihm, müsste das Waffenrecht weiter verschärft werden. Er will ein grundsätzliches Messerverbot in der Öffentlichkeit. Bisher sind nur Klingen ab einer Länge von 8,5 Zentimetern verboten, dazu Butterfly-Messer, also schwingbare Klappmesser. Das reiche nicht! Kuhr sagt: „Wer ein Messer trägt, hat eine böse Absicht.“ (…)

Die letzte Aussage schießt ja schon den Vogel ab. Hunderttausende oder gar Millionen von Bürgern, die ein Messer auch nur in der Funktion Werkzeug führen, haben böse Absichten? Ist beispielsweise das Kleinschneiden von Äpfeln jetzt schon ein Verbrechen? Zudem gibt es in meiner Familie jenen Fall, der sich in den 80er-Jahren ereignet hat, als ein Messer das letzte Mittel war, durch das ein Familienmitglied mit dem Leben davonkam. Die Notwehr ging für die Angreifer (es waren mehrere) nicht gut aus, aber muss man sich von ein paar miesen, gewaltbereiten Jungfaschos totprügeln lassen? Ich denke nicht. Wer solche Aussagen wie jene („Wer ein Messer trägt, hat eine böse Absicht.“) tätigt, disqualifiziert sich selbst.

Allerdings wollte ich anhand dieses Berichtabschnitts auf eine grundsätzlichere Problematik zu sprechen kommen, die ich bereits in meinem Blogbeitrag „Zwei Sorten von Bürgern: Wie der Staat seine Interessen verteidigt“ angesprochen habe: Alle Bürger sind gleich, aber manche sind gleicher als andere (frei nach George Orwells „Alll animals are equal. But some animals are more equal than other animals.“). Damals schrieb ich als Reaktion auf eine Maischberger-Sendung, in welcher Herr Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter (fast) alle außer Polizisten und sonstigen Staatsdienern als unfähig im Umgang mit Waffen im Verteidigungsfalle darstellte, dass dies der typische Reflex der Privilegierten sei: Privilegien werden mit Zähnen und Klauen verteidigt und es gäbe wohl eine nicht allzu geringe Zahl an Polizisten, die sich darin gefallen, Waffenträger zu sein – und zwar nur sie. Diese Gruppe kann aber, wie man nun sieht, auch auf eine kleine Gruppe von privaten (gewerblichen) Waffenträgern ausgeweitet werden, beispielsweise eben jener Michael Kuhr, Inhaber einer privatwirtschaftlichen Sicherheitsfirma in Berlin.  Und insofern ist nachzuvollziehen, dass hinter der Aussage des Herrn auch durchaus wirtschaftliche Interessen stehen. Dass Herr Kuhr mit Polizei und Sicherheitsbehörden zusammen arbeitet, kann durch zahlreiche Artikel, die bei einer Google-Suche auftauchen, leicht erkannt werden (wir wollen dies hier mal nicht in Abrede stellen, auch wenn nicht alles, was hundertfach durch die Presse kolportiert  wird, auch wahr sein muss).  Er fordert mehr Polizei und Videoüberwachung, zudem eine Verschärfung des Waffenrechts.

Der letzte Punkt kann bei allen, die mit der Materie Waffenrecht auch nur halbwegs vertraut sind, nur Kopfschütteln auslösen. Was hat der geraucht um zu meinen, dass ein schärferes Waffenrecht Kriminelle, beispielsweise die kriminellen Araber-Clans in Berlin, davon abhält, Waffen bei sich zu haben und einzusetzen??? Ein (wenn auch geringer) Effekt wäre nur vorhanden, wenn auch die Durchsetzung möglich wäre. Und wie wäre das möglich? Mit einer massiven Erweiterung der Polizei an Personal und Ausrüstung. Herzlich willkommen im Polizeistaat! Und auch dann hätte das Ganze immer noch keine Auswirkung, wenn die Justiz wie bisher diesem Klientel nur mit Kuschelpädagogik kommt. Also: Totales Waffenverbot, massives Polizeiaufgebot und eine Justiz, die es Ernst meint.  Klingt nicht wie ein Staat, in dem ich leben möchte. Aber vielleicht mag bei so manchem Inhaber einer Sicherheitsfirma der Gedanke auftauchen, dass der Staat ohnehin nicht so viele Polizisten, also Beamte, stellen kann und will, zu hoch wären da die Kosten. Was liegt da näher, als es bei einer überschaubaren Zahl an Privilegierten (Beamten) zu belassen und den Rest outzusourcen? Ist zwar nicht ganz so sozial, wie Politiker sich immer hinstellen, aber durchaus gängige Praxis, auch in anderen Bereichen. Und die Nutznießer sind dann Privatunternehmen, die zuvor schon schön brav mit dem Staat zusammengearbeitet haben. Das arme Etatistenschaf kann dann wieder etwas von bösem Kapitalismus blöken, ohne zu erkennen, dass diese Zustände vornehmlich durch den Staat verursacht werden, aber lassen wir diesen libertären Einwurf einmal auf sich beruhen…Es wäre schon viel geholfen, wenn die Justiz Kriminelle auch wie solche behandeln würde und diese nicht, wie ein rot-grünes Weltbild dies nahe legt, als arme, missverstandene Opfer zu sehen.

Den potentiellen Opfern muss die Möglichkeit zur Selbstverteidigung gewährt werden und zwar so, wie diese es für richtig halten. Es gibt für alle Arten des Selbstschutzes ein Für und Wider, eine Wunderwaffe gibt es nicht. Nicht jeder Mensch ist gleich und deswegen kann es keine Einheitslösung für alle geben. Zudem sehe ich die freie Entscheidung, wie man sich schützen will, als Eigenverantwortung eines jeden an. Arrogante, paternalistische Bevormundungversuche a la „das kannst du nicht“, „das ist gefährlich für dich“, „das darf nur der und der“ usw. sind kontraproduktiv und sollen meiner Meinung nach auch nur dazu dienen, selbstverteidigungswille Bürger zu entmutigen.

3 thoughts on “Die Privilegierten und der dreckige Rest

  1. Aha……. ja der Mann hat es entweder nicht begriffen oder er hat einfach schlampig formuliert.
    Jedenfalls sollte ihm das beim Gegenlesen aufgefallen sein, weshalb ich auf „nicht Kapiert“ plädiere.
    Aber richtig, die Waffenträger halten alle anderen immer für minder Qualifiziert, sie verteidigen damit natürlich auch ihr Privileg.
    Warum aber ein 6-facher Kickbox-Weltmeister besser mit der Waffe ist ………???

    Ich halte die meisten auch für weniger geeignet, aber plädiere immer dafür das sie jedes Mittel nutzen das man nutzen kann.
    Ich erkläre allen immer was für Risiken eine Waffe hat, wie es beim Pfefferspray und wie mit der Schreckschusspistole ist.

    Aber immer sage ich zum Schluss, man kann alles falsch machen, Fehler sind immer möglich, aber Bsw. mit einem Pfefferspray hat man eine Chance mehr und die eine macht es vielleicht aus.

    Egal ob man Erfolg hat, man verhält sich wehrhaft und das ist für die „anderen“ immer eine Lektion.

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    Messer………..

    Ich trage übrigens auch immer ein bei mir, gerade in den Ferien in Ländern wir Thailand.
    Schon oft war ich oder andere, sehr froh um das Werkzeug.
    Es ist einfach praktisch.
    Böse Absichten……………….. Blödsinn.

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    Ach ja, Taschenmesser……. natürlich kann man auch die missbrauchen, ebenso wie einen Hammer usw……

    Mein Grossvater um 1910 einmal mit einigen Stichen abgestochen.
    Er war ein wohlhabender junger Bauer und ging ins nahe „Ausland“ also nach Appenzell zum Tanzabend …. der „Stobätä“ wir das hier heisst.
    Er mit eigenem Breack ( Kutsche ), stattlicher Figur und mit 18 schon einem richtigen Schnautzer…… das gefiel den Fräuleins.
    Nur, das war eben das Revier der Appenzeller und die Mädchen „gehörten“ ihnen auch.
    Fremde „Wilderer“ brauchte man nicht.
    Grossvater hatte 11 Brüder, so wagte sich des Tages niemand an ihn heran.
    Die „unterlegenen“ Bauernsöhne machten sich also von dannen und passten ihm spät in der Nacht auf dem Heimweg ab.
    Es gab dann eben diese Messerstiche, den ein Taschenmesser hatte jeder im Sack.
    Nun ja, damals holte man den Arzt ins Haus, hielt durch, kurierte das 2 Wochen aus, aber man holte deswegen sicher nicht die Polizei.

    Bei der nächsten Stobätä gingen dann alle 12 Brüder zusammen …….“Tanzen“.

    Hmmm, die Zeit war etwas anders ……..damals….(((-:

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