Das schwierige Thema Missbrauch in der Partnerschaft

29 Sep

Das Thema Missbrauch in der Partnerschaft wurde von mir schon mal in meinem Beitrag „Selbstverteidigung mit Schusswaffen aus weiblicher Sicht“ angeschnitten. Auch Caitlin Kelly widmete in ihrem Buch „Blown Away – women and guns in America“ ein Kapitel diesem schwierigen Thema. Nun erschien ein Artikel am 12. September in der Washington Post dazu , angeregt wohl auch durch einen aktuellen Fall in den Medien (Ray Rice und Janay Palmer): der Footballspieler schlug seine Verlobte, wurde daraufhin von seinem Team suspendiert und die Verlobte Janay Palmer bemühte sich darum, das ganze abzuwiegeln, um vielleicht noch seine Sportkarriere retten zu können.

Die Autorin des Artikels beleuchtet diesen Fall, bei dem, wie bei allen so gearteten Fällen in der Presse, die meisten sagen: „Wie kann sie nur, und wie kann sie nur bei ihm bleiben?“, aus eigener Erfahrung: Auch sie war jahrelang in einer Partnerschaft mit einem gewalttätigen Mann. Das war jetzt nicht eine gewalttätige Beziehung, wie sie sich in den Köpfen vieler wahrscheinlich manifestiert, ein „white trash“-Paar, Unterschicht, Armut, Alkohol und Drogen im Spiel. Aber nein, es waren zwei im Job erfolgreiche Menschen mit Ivy League-Abschlüssen. Umso unverständlicher muss es vielen vorkommen, dass diese offensichtlich intelligente Frau die Gewalttätigkeiten jahrelang ertrug. Aber so war es. Sie zählt die Vorkommnisse, somit Gründe, auf, wegen derer sie sich wünschte, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen:

 

  • nach 3 Monaten Zusammensein, in der Nacht, als er sie während des Sex würgte und sie es als seltsam, aber irgendwie erotisch abtat (für ihn, nicht für sie)
  • als sie zusammen zogen und er nicht mit ihr sprach, weil ein Freund vom College anrief und ihr zu diesem Meilenstein gratulierte
  • an jenem Samstag als er sagte, sie sehe ungeschminkt besser aus und solle sich nicht mehr schminken
  • an jenem Abend als sie sich umzog, um zu einem Abendessen zu gehen und er ihr sagte, sie sei eine Schlampe, weil ihr Rock zu kurz sei
  • am jenem Morgen 5 Tage vor ihrer Hochzeit, als er sie das erste Mal körperlich angriff, weil sie, wie er sagte, ihn an seine Mutter erinnere
  • während der Flitterwochen, als er sie so fest schlug, dass ihr Kopf gegen die Scheibe des Autos schlug
  • in der Nacht als er die Autoschlüssel aus dem Zündschloss zog, während sie 90 km/h fuhr
  • an dem Tag als er sagte, sie könne Weihnachten nicht mit ihrer Familie verbringen
  • das erste Mal als er damit drohte den Hund zu töten
  • das erste Mal als er sie die Treppe hinunter stieß
  • Das erste Mal als er ihr drohte, den Abzug zu drücken, während er ihr eine geladene Waffe an den Kopf hielt

 

Und die Gründe, warum sie es nicht tat:

 

  • niemand gab ihr bis dahin je das Gefühl, so sicher, geliebt, schön und wertgeschätzt zu sein wie er in den ersten Monaten ihrer Partnerschaft
  • sie verwechselte Mitleid mit Liebe, weil er ihr leid tat, weil er als Kind von seinem Stiefvater geschlagen und hungern gelassen wurde
  • sie dachte, sie sei die einzige Frau, die ihm helfen könnte, sein Trauma zu überwinden
  • in der Zeit zwischen jenen schrecklichen Vorfällen brachte er sie zum Lachen
  • sie liebte ihn

 

Gewalt in der Partnerschaft ist kein singulärer Akt, schreibt sie, in der Regel stellt sie ein Muster dar. Weitere Fakten bezüglich gewalttätiger Beziehungen sind:

 

  • eine von vier Frauen war oder ist Opfer von Gewalt in einer Beziehung.
  • Fast die Hälfte der Frauen, die die Notaufnahme aufsuchen, wurden irgendwann in ihrem Leben missbraucht
  • Ein Opfer partnerschaftlicher Gewalt braucht durchschnittlich 7 Anläufe, über Jahre verteilt, bevor er oder sie (auch Männer können Opfer sein) diese Partnerschaft wirklich beenden können
  • Wenn das Opfer dann tatsächlich geht, ist es in großer Gefahr, denn die meisten Morde, die von Partnern verübt werden, geschehen, nachdem das Opfer endlich die Partnerschaft beendet hat

 

Leslie Morgan Steiner zählt dann auf, was ihr half, aus dieser Beziehung “auszusteigen” und appelliert an ihre Leser, sich lieber mit den psychologischen Hintergründen solch ungesunder Partnerschaften zu beschäftigen. Ich finde das einen sehr guten Punkt: auch ich gehöre zu denen, die bei solchen Fällen in der Presse immer sagt: „Wie kann sich nur?“. Und wer tut das nicht, außer diejenigen, die so etwas aus eigener Erfahrung kennen?

Aber es hilft ja nichts. Es gibt wohl kaum etwas Komplizierteres als die psychologischen Verflechtungen, gerade auch bei partnerschaftlichen oder familiären Beziehungen. All die psychischen und ökonomischen Abhängigkeiten, die Täter und Opfer aneinanderketten, lassen sich von Außenstehenden oft nur schwer erfassen. Im Zuge der Ray Rice und Janay Palmer-Geschichte gab es in den Social Media eine Hashtag-Aktion: Unter #whyistayed gaben (ehemalige) Opfer Gründe an, warum sie blieben; Nicht zu selten lag das Motiv im Helfersyndrom, weil die Betroffenen dachten, sie seien die Einzigen, die dem Täter helfen könnten – mit Liebe. Helfen: Beispielsweise über vom Täter selbst erfahrene Gewalttätigkeiten in der Kindheit und Jugend hinweg zu kommen, die dazu führten, dass derjenige nun selbst zur Gewalt neigt. Aber das ist wohl immer ein großer Irrtum. Wenn überhaupt, dann kann nur eine professionelle psychologische Betreuung helfen. Manchmal hilft auch die nicht, schließlich gibt es genug Fälle, wo Menschen nach zum Teil langer Zeit im Gefängnis rauskommen und postwendend wieder genau so ein Gewaltverbrechen begehen, für das sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden sind. Vielleicht müssen wir uns auch einfach von der Vorstellung verabschieden, dass Gewalt dem Menschen nicht inhärent ist und immer das von außen kommende Böse darstellt. Ein Blick auf unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, aber auch andere Tieren, lehrt uns eher das Gegenteil.

Und dennoch ist es falsch, gewalttätiges Verhalten als unverschuldete und unweigerlich folgende Auswirkung von selbst erfahrener Gewalt zu sehen. Der Mensch hat die Wahl, er besitzt grundsätzlich die Möglichkeit, so oder anders zu handeln. Wer das nicht so sieht, spricht dem Menschen den freien Willen ab – und kreiert so die Möglichkeit, den Täter als Opfer seiner Umstände sehen zu können. Die Umstände können meiner Meinung nach zwar Erklärung für sein Verhalten sein, dürfen aber nicht als Rechtfertigung dienen, um ihn so von seiner Schuld frei zu sprechen. Leider ist das in der deutschen Rechtsprechung gang und gäbe.

 

Aber zurück zu dem Punkt, an dem das Opfer nach langer Zeit und vielen Anläufen geschafft hat, sich von dem Gewalttäter zu trennen: Wie von Leslie Morgan Steiner erwähnt, ist die Gefahr nun am höchsten, denn die meisten Morde passieren, nachdem sich das Opfer vom Täter getrennt hat. Wie von mir bereits in einem anderen Blogbeitrag erwähnt (Selbstverteidigung mit Schusswaffen aus weiblicher Sicht), ist eine Waffe eher sinnlos, solange die Partnerschaft noch besteht: Das Opfer würde sie kaum einsetzen und liefe Gefahr, mit der eigenen Waffe ermordet zu werden (wobei es im Ergebnis natürlich egal ist, ob das Opfer durch die eigene, vom Täter verwendete Waffe oder eine andere getötet wird und ob die Waffe eine Schusswaffe, ein Messer, ein Baseballschläger, ein Kissen oder sonst etwas ist!). Zu diesem Zeitpunkt nun kann eine (Schuss)waffe für das Opfer sinnvoll sein, denn Polizeischutz/Personenschutz wird es kaum bekommen. Interessanterweise wird das in der Türkei durchaus so gesehen: Sefkat-Der, eine Hilfsorganisation für Frauen, Drogenabhängige und Obdachlose, gibt in einem Leitfaden Tipps für Frauen, die sich aus einer gewalttätigen Partnerschaft gelöst haben und diese beinhalten auch den Rat, sich zu bewaffnen und regelmäßig mit der Waffe zu trainieren. Tatsächlich haben daraufhin 3500 Frauen Sefkat-Der um weiterführenden Rat gefragt und die Organisation wägte daraufhin ab, ob sie nicht selbst solche Schießkurse für Frauen anbieten solle.

Wenn ich an jene Frau in unserem Kiez denke, die von ihrem Mann ermordet wurde und der ihr dann den Kopf abschnitt und auf die Straße runter warf, als sie sich von diesem Gewalttäter und Bigamisten trennen wollte, hätte ich ihr (und ihren 6 Kindern) sowohl so einen Kurs wie auch eine Waffe gewünscht….

 

 

 

4 thoughts on “Das schwierige Thema Missbrauch in der Partnerschaft

  1. Julianne Versnel sprach 2010 auf der UN Kleinwaffenkonferenz: „No one would deny that women are the victims of much of the untoward violence in today’s world.

    Mr. Chairman, as a woman I particularly identify and empathize with women as victims. In the context of this meeting and the Programme of Action, the question becomes how to best protect women from becoming victims. Let me offer what might be a strange sounding answer to many of you.

    You do not protect women by disarming them or those who would protect them.“
    http://www.wfsa.net/pdf/WFSA2010_versnel.pdf

    Als ich diese kurze Rede vor drei Jahren las, wurde mir bewusst, dass nicht nur die Opfer, sondern auch deren Beschützer (Freunde, Familie) Mittel für den Schutz benötigen.

    Vor kurzem las ich diese Nachricht:

    Ein verlassener Ehemann konfrontiert seine Ex-Frau, die mit zwei Freunden ins Kino will, auf der Straße und zieht seine Waffe. Die beiden Freunde, die als gesetzestreue Bürger Lizenzen zum verdeckten Tragen von Schusswaffen haben, ziehen ebenfalls ihre Waffen.
    Ein Freund wird vom Ex-Mann angeschossen, die beiden Freunde treffen den Ex-Mann tödlich.
    http://www.concealednation.org/2014/05/the-recent-mall-shooting-that-you-wont-hear-about/

    Wie denkt man in Deutschland über diese Geschichte?

    Die meisten würden sagen, dass der verlassene Ex-Mann “nur seine Frau zurückhaben wollte”. Das hätte man doch vor Gericht regeln können. Doch weil die beiden Freunde Waffen hatten, ist der arme Mann jetzt tot.

    Wie sehe ich das? Auch wenn der Ex-Mann ohne die Waffen der beiden Freunde eventuell nicht geschossen hätte, liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 90%, dass die Ex-Frau von ihm demnächst getötet wird, und bei über 99%, dass er sie missbraucht, schlägt und demütigt. Zudem hatte er dadurch, dass er mit Waffengewalt seine Ex-Frau zwingen wollte, die Reaktion der Beschützer herausgefordert.

    Während diese Geschichte in den Medien landet und in Deutschland als Beispiel für die „irrsinnigen amerikanischen Verhältnisse“ genutzt würde, wird die Misshandlung und der wahrscheinlich spätere Tod der Ex-Frau niemals erwähnt werden.

    5 Frauen werden pro Woche in Deutschland getötet, meist zu Hause und meist von Verwandten und Bekannten, die der Polizei wegen Gewalt bekannt sind. (PKS 2010)
    http://legalwaffenbesitzer.wordpress.com/opferschutz/

    Mal darüber nachdenken…

    • 5 Frauen pro Woche………….

      Nun ja, man sollte aber auch erwähnen wie viele von den 5 Frauen autochthone Deutsche Frauen sind und in der Folge, woher deren Männer kommen.
      Das ist nämlich der Punkt der in Deutschland explizit aussen vor gelassen wird.

      Die Schweiz hat ca. 60 Waffen auf 100 Einwohner und 25% Ausländeranteil. ( ohne Pass )
      Gemäss unserer Justiz sind Fälle von „Bedrohungen“ aber weit weniger wie darob rein rechnerisch anzunehmen wären.

      Bedrohungen mit Armeewaffen, die stehen hier ja in jedem Haushalt, gabs etliche Jahre in denen kein einziger Fall erfasst wurde. Diese Fälle sind besonders aufschlussreich, weil sie eben fast nur Schweizer betreffen, die anderen haben ja keine Schweizer Armeewaffe. Zudem haben viele Schweizer Offiziere, aber auch Unteroffiziere und Mannschaften kein Sturmgewehr sondern auch eine Pistole als persönliche Waffe. Fouriergehilfen, Köche usw.

      In gewissen Kreisen wird davon ausgegangen, dass die Waffe des Mannes irgendwann fast Zwangsläufig auch als Drohmittel gegen die Frau eingesetzt wird.
      Das lässt sich so in keinster Weise belegen.

      In den letzten Jahren haben wir in der Schweiz sogar eine Reihe von Fällen erlebt bei denen die Frau den Mann erschoss oder verwundete.

      Nun ja, wenn der Mann seine Frau derart behandelt wie oben beschrieben, so geschieht ihm Recht.

      Hier in der Schweiz ist Gewalt von Männern gegen Frauen aber zu von mir geschätzten 90% ein Migranten-Problem. Auch wenn das politisch schrecklich unkorrekt ist.

  2. Was die psychologischen Gründe für solche zerstörerischen Beziehungen angeht, habe ich einen Buchtipp: „Co-Abhängigkeit“ von Anne Wilson-Shaef. Das Konzept der Co-Abhängigkeit hat sich aus den Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholikern entwickelt. Alkoholiker führen oft Beziehungen in denen Mißbrauch und Gewalt häufig sind und unter denen die ganze Familie (auch Freunde und Arbeitskollegen) leidet.

    Anne Wilson-Shaef geht davon aus, daß die meisten Menschen mitfühlende, hilfsbereite Wesen sind, die aber gegen Ausnutzung ihres natürlichen Hilfstriebes nur ungenügend geschützt sind und sich nicht selten mißbrauchen lassen. Anfällig dafür ist jeder, der nicht gelernt hat „Nein“ zu sagen und der nicht genügend Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein hat. Wer die eigenen Grenzen nicht kennt, erlaubt anderen viel zu oft, diese zu übertreten – des lieben Friedens willens, oder weil es um (eingebildete) Zuneigung oder auch Anerkennung geht. Das trifft Frauen genau so oft wie Männer und ist schon in der Erziehung in der Kindheit angelegt.

    Mag sein, daß das Konzept der Co-Abhängigkeit lt. Wikipedia umstritten ist. Aber es erklärt einige der seltsamen Verhaltensweisen von Menschen in solchen Beziehungen. Auch andere Autoren wie z.B. Melody Beattie haben da profundes dazu zu sagen.

  3. Hier mal etwas aus meinem Kompendium zur Waffenverbotsinitiative von 2011 in der Schweiz.

    Ich habe die meisten Infos und Zahlen hier in den Jahren 2006 bis 2010 gesammelt und sie vor allem gegen die Waffen-Verbots-Initiative vom Februar 2011 eingesetzt.
    Zu späteren Jahren sind /waren oft noch keine Statistiken und andere Informationen erhältlich, gerade wenn sie den Mainstream nicht bestätigen, werden sie oft nur zögerlich veröffentlicht, wenn nicht gar unterdrückt.

    Hier in der Schweiz sind ja auch Armeewaffen in vielen Haushalten vorhanden, denn die Waffe bleibt beim Wehrmann bis er aus dem aktiven Dienst ausscheidet, also heute bis 32, und er sie dann für 150 Franken kauft oder eben abgibt.

    In Zuge der Waffenverbotsinitiative war das Argument des Missbrauchs in der Partnerschaft ein sehr beliebtes Argument linker Kreise.
    Aber sie lässt sich nicht erhärten. Auch nachdem eine Ehe scheitert und es zur Scheidung kommt, ist die Bedrohung durch eine Waffe sehr selten ein Thema dabei.
    Wenn es sich dabei um Armeewaffen handelt, ist die Militärjustiz involviert und führt eine Statistik.

    Aber……………..

    „Ereignisse“ ( z. B. Schüsse am 1. August ) ausserhalb der Dienstzeit mit Militärwaffen verzeichnete die Militärjustiz 2008 zum Beispiel keinen einzigen Fall und 2008 stellt dabei keine Ausnahme, sondern eher die Regel dar. Auch die in den Medien vielmals angesprochenen Drohungen betrugen 2008 gerade mal 4 Fälle. ( bei 220-tausend Wehrmännern )
    Martina Hugentobler, die Sprecherin der Militärjustiz betonte ganz klar, die Armeewaffen haben keinerlei negativen Einfluss auf die Sicherheitslage der Schweiz.

    Als kurzer Überblick……………

    Bei 8893 Verwundungen ( mit Todesfolge oder nicht ) von Menschen in der Schweiz im Jahr 2009, waren nur gerade 34 von einer Kugel verursacht, das sind 4 Promille.

    Es wäre also fahrlässig den Missbrauch in der Ehe nur gerade an Waffen festzumachen.

    Es gibt in den USA auch einen Tatbestand der seelischen Grausamkeit. Man kann in einer Ehe ohne ein Wort zu sagen, viel Schaden anrichten, ja auf subtile Weise gewalttätig sein.

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