Das Kind darf auch mal schießen – Urlaub in Texas

7 Jul

Mein Sohn ist mit Waffen schon einigermaßen vertraut. Mit zwei Waffenbesitzern in einem Haushalt wohnend kennt er unsere Waffen, die Munition und die Ausrüstung/Zubehör. Er war schon als Zuschauer beim Schießen dabei (auch bei einem IPSC-Wettkampf) und hat schon voll Begeisterung Geschosse aus dem Sandhaufen (Kugelfang) ausgegraben. Er kennt die Sicherheitsregeln und weiß mittlerweile bestimmt mehr über Schießen und Waffen als der Durchschnittsdeutsche (was aber nur bedeutet, dass der Durchschnittsdeutsche keine Ahnung von Waffen hat). Aber eines darf er mit seinen 10 Jahren hier in Deutschland nicht: Schießen. Mit Luftdruck dürfte er mit 12 Jahren zu Schießen beginnen, Kleinkaliber ab 14. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ihn das ziemlich wurmt, dass er von Gesetz wegen nicht mit uns mitschießen darf.

In den USA ist das anders. Hier gibt es keine Altersbeschränkung, ab wann Kinder was schießen dürfen. Klar also, dass für unseren Texasurlaub „Kind darf schießen“ auf dem Programm stand.

Die erste Shooting-Range, die wir besuchten, war in Lockhart. Für den Burschen wählten wir eine Ruger MK III in .22 aus, also eine Pistole, die wir auch zuhause haben – die 1911er im Kaliber .45 sollte er selbstverständlich nicht schießen, die war für uns. Als Zielscheibe gab es – wenn schon, denn schon – eine Mannscheibe in Pink, in ca. 5m Entfernung aufgestellt. Noch einmal eine Überprüfung, ob die Sicherheitsregeln noch sitzen, ein paar Trockenübungen mit der ungeladenen Pistole, dann bekam er die geladene Waffe in die Hand. Siehe da, der erste Treffer ging direkt ins Zentrum. Die nächsten waren etwas gestreuter, aber dennoch konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Das Kind war konzentriert und darauf bedacht, ein gutes Ergebnis zu haben. Aber euphorisch war er nicht. (Anders als über das beef brisket, das wir hinterher bei Blacks Barbecue in Lockhart hatten – da redet er noch immer von!)

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Das änderte sich, als wir das nächste Mal schießen gingen, auf einer Indoor-Range in Corpus Christi (the sharp shooter, wurde bereits auch im letzten Beitrag über Texas erwähnt). Hier mieteten wir ein AR-Klon im Kaliber .22, das er sich selbst ausgesucht hatte. Der Junge war begeistert. Noch begeisterter war er, als er das Ding schießen durfte. Er bekam eine Einweisung von uns und dann – war er völlig in seine Tätigkeit versunken. Er durfte sich die Zielscheibe selbst aussuchen, wie schön, dass es Zombie-Targets gab! Wir hatten also einen Zombie-Pizzaboten in Groß (ca. 1m x 0,5m) und einen Kettensägen-Zombie in Klein (ca. Din A3-Größe). Es wurden also alle möglichen Zombie-Körperteile beschossen: Kopf, Hals Brust, Ellenbogen, Knie, Gürtelschnalle.

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Diese Range hatte Seilzüge, um die Zielscheiben für die Trefferaufnahme heranfahren zu lassen, das fand er toll. Nach einem Magazin holte er die Zielscheibe heran, begutachtete das Trefferbild und wir besprachen, wo der beste Haltepunkt liegen könnte (ja, er hat dabei schon etwas über unterschiedliche Haltepunkte auf unterschiedlichen Distanzen – 7-20m – gelernt). Am meisten faszinierte und begeisterte mich, wie beständig konzentriert, fokusiert und ernsthaft er bei der Sache war. Für einen sehr aktiven Burschen wie ihn ist das durchaus erwähnenswert.

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Er legte Wert drauf, alles allein machen zu dürfen: Aufmunitionieren, Magazin rein, fertig laden, entsichern – und schießen. Dann sichern, Magazin raus, Sicherheit, Waffe ablegen und Scheibe ranholen. Einer von uns stand nur zur Sicherheit hinter ihm. Ich war auch sehr erstaunt, mit welcher Ruhe und Selbstverständlichkeit er Funktionsstörungen beseitigte. Noch einmal repetieren, gegebenenfalls Magazin entfernen – kein Problem. Ich habe viele Erwachsene gesehen (mich inklusive), die bei ihren ersten Funktionsstörungen nicht so routiniert reagiert haben.

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Wir hatten eine superkompakte Ruger LCP im Kaliber .380 (9mm kurz). Die hatten wir eigentlich geholt, weil ich so eine Waffe mal schießen wollte, aber die durfte das Kind auch mal schießen. Von der Größe her war sie für seine Hände durchaus passend, aber er machte nach dem ersten Schuss große Augen: Wie kann so ein kleines Ding so einen heftigen Rückstoß haben? Der kleine Zombie war getroffen, er machte noch 2 Schuss, das reichte ihm dann. Spaß machte ihm das Schießen mit dieser kleinen Pistole nicht.

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Das Schießen mit dem AR hat ihm dagegen so Spaß gemacht, dass er mehrfach nachfragte, ob wir das am nächsten Tag noch mal machen können. Da wir wussten, dass das für längere Zeit das letzte Mal Schiessen für ihn sein würde, gingen wir tatsächlich am nächsten Tag nochmals hin. Voller Stolz trug er „sein“ AR (er wollte keine andere Waffe) zur Bahn und ließ es sich nicht nehmen, das Gewehr auch wieder höchstpersönlich zurückzugeben – mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Er zog sein „Übungsprogramm“ wie am Vortag durch (diesmal hatten wir einen Zombie-Metzger). Nach 150-200 Schuss war die Munition verbraucht. Da meinte er: „Schon? Krieg ich noch mehr?“ Aber das musste reichen, Kleinkaliber ist momentan in den USA teuer…

Und nun? Jetzt sind wir seit einiger Zeit schon wieder zurück in Deutschland und das bedeutet, er darf seine neu gewonnenen sportlichen Fertigkeiten nicht weiter praktizieren und verbessern. Wir können ihn nur auf später und weitere Urlaube im Ausland vertrösten. In der Zwischenzeit schießt er mit seinen Nerf-Guns und zeichnet Männchen, die mit ihren Waffen schießen und sagen „I love guns“.

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Gibt es einen guten Grund, warum der Junge nicht mit uns, zwei erfahrenen Schützen und Schießleitern (einer davon sogar ein erfahrener Schießlehrer), zum Schießstand zum Trainieren mitgehen darf? Ich denke nicht.

Aber die deutsche Politik sieht das wohl anders.

9 thoughts on “Das Kind darf auch mal schießen – Urlaub in Texas

  1. Finde ich klasse. Und Respekt für den Mut, dies in Deutschland zu veröffentlichen.
    Jeder Sportschütze weiß, warum dies echter Überzeugung bedarf.

      • Ich wusste schon, dass es Ausnahmebedingungen gibt, so dass jüngere Kinder auch schon schießen dürfen. Sowohl in eigener Sache (also, für meinen Sohn!) werde ich mich demnächst damit beschäftigen und dann wird es zu den Informationen oder eigenen Erfahrungen einen Blogbeitrag geben. Zu beachten sind wohl unterschiedliche Bundesländer, Schiessverbände usw. Wer weiß, vielleicht kommt da nicht ein „Emily gets her gun“, sondern ein „Flo darf schießen“ dabei raus ;-)

  2. Ich höre schon unsere Gutmenschen schreien “ oh das gibt’s doch nicht das arme Kind ist doch jetzt voll traumatisiert.nehmt den Eltern das Kind weg wie kann man denn einem 10jährigen eine Waffe geben und auf Zombies schießen lassen “
    Wenn ein 10jähriger jetzt schon verantwortungsvoll mit einer Waffe umgehen kann dann er es erst recht als Erwachsener!

  3. Ich bin 14 und Mitglied im Reihnischen Schützenbund, wo ich kürzlich angefangen haben Kleinkaliber zu schießen, was mir auch extrem viel Spaß macht, wenngleich ich nicht der allerbeste Schütze bin…dafür weiß ich halt mehr über Technik, insbesondere die alter Ordonnanz- und Militärwaffen interessiert mich(Ich kann mit ner GSP überhaupt nichts anfangen xD).
    Ich fände es wirklich schön, würden Waffen nicht so verteufelt(wurde wegen meines Hobbys schon mehrmals von Lehrern vorgeladen.). Am besten fände ich es jedoch, würden wir wie in Tschechien oder Norwegen Schießen in den Sportunterricht integriern, und das nur nicht weil es meine Sportnote um ein vielfaches verbessern würde ;). So würde die hieseige Jugend auch viel mehr über den veratntwortungsvollen Umgang mit Waffen lernen.

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