Brian Anse Patrick: The National Rifle Association and the Media: The Motivating Force of Negative Coverage

15 Jul

Brian A. Patrick ist Professor für Kommunikationswissenschaften. Außerdem ist er waffenaffin und galt schon zu Schulzeiten als „Troublemaker“. Dass er mit seinem Ph.D.-Thema über NRA und Medien bei seinen Wissenschaftskollegen nicht auf Begeisterung stoßen würde, kann sich jeder denken, der ein wenig Einblick in den universitären Betrieb hat. Wie auch Journalisten sieht sich das Universitätspersonal als Elite. Und „die Elite“ ist in den USA wie hier in Deutschland zu großen Teilen „liberal“ (das amerikanische „liberal“) oder bei uns links-grün. Als jemand, der den Wissenschaftsbetrieb ebenfalls von innen kennt, kann ich seinen Ausführungen über „die Elite“, die sich selbst zu großen Teilen für kritische Denker hält, aber eigentlich mehr noch als alle anderen unablässig Propaganda konsumiert, ihr fest gefügtes Weltbild hochhält und so in einer Art Elfenbeinturm abgeschottet von der realen Welt lebt, aus ganzem Herzen nachempfinden, habe ich doch bedauerlicherweise auch mal zu diesem Schlag Mensch gehört. Offensichtlich konnte er dem kalten Wind, der ihm von seinen Kollegen wegen seines Themas entgegenwehte, trotzen und so entstand ein Buch – unerhörter Weise nicht nur für Akademiker geschrieben, sondern für alle – das darlegt, wie voreingenommen die Elite-Medien in den USA  über die NRA berichten. Da das Ganze wissenschaftlich fundiert sein soll, vergleicht er die Berichterstattung mit der über 5 weitere Interessengruppen (National Association for the Advancement of Colored People, American Civil Liberties Union, American Association of Retired Persons, Handgun Control, Inc./Brady Campaign to Prevent Gun Violence) und zieht dazu verschiedene Kriterien heran (dazu gleich). Ein weiterer Punkt, dem sich das Buch dann widmet, ist der, wie die NRA aus diesem für sie zunächst ungünstigen Umstand der negativen Berichterstattung Kapital schlägt und sie für ihre Zwecke nutzt.

 

Um die seit geraumer Zeit nur als Hypothese bestehende Beobachtung, dass die NRA in der Berichterstattung schlechter weg kommt als andere Bürgerrechtsbewegungen (wobei die NRA von ihren Gegnern nicht als solche anerkannt wird, sondern nur als Lobby der Waffenhersteller verunglimpft wird) auf ein solides Fundament zu stellen, wertete Patrick knapp 1500 Artikel im Zeitraum von 1990-1998 von fünf Elite-Zeitungen (New York Times, The Wall Street Journal, Washington Post, Los Angeles Times, The Christian Science Monitor) aus. Hierzu wurden einige Merkmale der Artikel verglichen, so u.a. die Menge an Zitaten (spricht: Textstellen, in denen die Interessengruppen selbst zu Wort kommen, ein positiver Umstand), Berichterstattung über „Pseudo-Events“ (so bezeichnet er Events, die überwiegend oder gänzlich der PR dienen, beispielsweise Pressekonferenzen), Verwendung von Fotos, richtige Titelnennung der Repräsentanten der Interessengruppen, Personifizierung, Headline-Gestaltung, Satire/Lächerlichmachung der Interessengruppen, Verben der Zuordnung von Aussagen (also Synonyme von „sagen“: Diese können positiv oder negativ besetzt sein), Zuordnung der Aktivitäten zu demokratischen Prozessen, Intensitätslevel, mit welchem die Gruppe agiert (zu viel wird schnell als fanatisch angesehen), proklamierter Aufstieg/Fall der Interessengruppen, der allgemeine Ton (ob die Zeitung dem Anliegen der jeweiligen Gruppe positiv, negativ oder neutral gegenübersteht) und die Bezeichnung von Interessengruppen.

Bei allen untersuchten Merkmalen kam die NRA schlechter weg als die zum Vergleich herangezogenen Interessengruppen, manchmal signifikant schlechter. Diese Auswertung liefert einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die Klagen von NRA-Mitgliedern, in der Presse schlecht weg zu kommen, nicht nur subjektive Empfindung sind.

Die Frage, die sich Patrick nun gestellt hat, war: „Wie kann es sein, dass die NRA konstant eine schlechte Presse hat, aber die Mitgliederzahlen signifikant gewachsen sind? Was macht die NRA, um Mitgliederwachstum trotz schlechter Presse zu erreichen?“

Nun, die NRA besitzt auch ihre eigenen Medien, um ihre Position kundzutun. Neben der heutzutage obligatorischen Internetpräsenz gibt die NRA an Mitglieder verschiedene monatliche Zeitschriften (American Rifleman, American Hunter, America’s First Freedom, jeweils als Print oder Download erhältlich) heraus, mit deren Hilfe sie ihre Position deutlich machen und verbreiten kann. Was Patrick aber als sehr essentiell für den Erfolg der NRA ansieht ist, sind amerikanische Charakterzüge wie Egalitarismus, Anti-Elitismus und eine verwurzelte Waffenkultur, die einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bürger den Elite-Medien gegenüber kritisch eingestellt sein lässt und eine Hinwendung zur NRA ermöglicht. Je mehr die Elite-Medien gegen die NRA „schießen“, umso mehr Bürger fühlen sich mit ihr verbunden. Hier darf auch nicht vergessen werden, dass die NRA keine Organisation „von oben“ ist, sondern als Grassroot-Bewegung stark auf die Aktivierung und Mobilisierung seiner Mitglieder setzt. In diesem Kontext müssen auch die „Shall-issue“-Gesetze für Concealed Carry (bedeutet, dass es nicht im Ermessen der Behörde liegt, ob eine Lizenz ausgestellt wird, sondern dass sie ausgestellt werden muss, wenn nichts gegen den Antragsteller vorliegt) gesehen werden, die nun in über 40 Staaten vorliegen und die aus einer „Bewegung von unten“ entstanden sind. Laut Patrick wären diese Concealed Carry Permits vor 20-30 Jahren in vielen Staaten noch undenkbar gewesen. Trotz dieser Lizenzen zum verdeckten Tragen von Schusswaffen, deren Zahlen kontinuierlich steigen, nicht zuletzt auch, weil immer mehr Frauen sie beantragen, sind von Gegnern prognostizierte Schießereien um Parkplätze und die letzte Packung Corn Flakes ausgeblieben. Letztlich hat jene Anti-Waffen-Agenda der Eliten der amerikanischen Waffenkultur eine Blüte beschert, wie es sie wahrscheinlich noch nie vorher in der amerikanischen Geschichte gab.

Ein Kapitel, dem jeder Nachempfinden kann, der aktiv mit dem Thema „Waffen in den Medien“ beschäftigt (beispielsweise im Netz kommentiert, Leserbriefe mit Berichtigungen schreibt, Interviews zu Waffenthemen gibt usw.) ist das 6. Kapitel, in dem es um die Interaktion der NRA mit Journalisten geht. Es wird über die Enttäuschung von NRA-Aktivisten berichtet, die nicht begreifen können, warum Journalisten immer noch die Fakten verdrehen, obwohl sie auf den Schießstand mitgenommen und „aufgeklärt“ wurden. Noch erhellender sind aber die Reaktionen der Journalisten, die Patrick zu diesem Thema befragte: die Bereitschaft, an der Studie teilzunehmen, sowie die eigenen Beweggründe kundzutun, war wenig ausgeprägt (eher: kaum existent). Patrick verglich die Haltung und Reaktion der Journalisten mit dem Klerus früherer Zeiten: Sie beanspruchten in arroganter Weise Deutungshoheit und fühlten sich nicht verpflichtet, ihre Beweggründe und Wege der „Wahrheitsfindung“ zu erläutern.

 

Ich denke, dass dieses Buch gerade auch für alle Waffenrechtsaktivisten in Deutschland sehr erhellend sein kann. Gerade auch deswegen, weil die Voraussetzungen in der deutschen Gesellschaft andere sind als in den USA: Ich erkenne hier – noch – wenig Egalitarismus und Antielitismus, auch von einer Waffenkultur kann nicht wirklich gesprochen werden. Andererseits stellte Patrick fest, dass Concealed Carry vor 20-30 Jahren in den USA auch undenkbar gewesen wäre. Und auch in Deutschland kann man im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklungen (beispielsweise dem dramatischen Anstieg von Einbruchsdelikten und der fehlenden Präsenz der Polizei im Zuge der Sparmaßnahmen) feststellen, dass ein leichter Gesinnungswandel einsetzt. Deutschland ist in den gesellschaftlichen Entwicklungen den USA in der Regel 10-20 Jahre hinterher. Wer weiß also, was sich hier noch tut?

 

Brian Anse Patrick: The National Rifle Association and the Media: The Motivating Force of Negative Coverage. 2002.

2 thoughts on “Brian Anse Patrick: The National Rifle Association and the Media: The Motivating Force of Negative Coverage

  1. Das hört sich wirklich interessant an. Ich befürchte das mein Englisch dafür nicht ausreicht.
    Willst du denn alle Artikel sammeln oder auch nur von ein paar bestimmten Medien?

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