Bist du ein „weiches Ziel“? – die Amerikaner und das Vorbereitet-sein

24 Aug

Ein Artikel der FAZ über das vereitelte Attentat mit mutmaßlich islamistischen Hintergrund in einem französischem Zug, das von 2 beherzt eingreifenden US-Soldaten und einem britischen Zivilisten verhindert werden konnte, endet folgendermaßen: “ In den Vereinigten Staaten glauben die Menschen an die eigene Wehrhaftigkeit. Das führt mitunter zu anderen Problemen. Aber am Freitag hat dieser Glaube mitten unter uns hunderten das Leben gerettet. Das sollte uns zu denken geben.“
Warum immer die Amerikaner? Diejenigen, die auch die amerikanischen Waffenseiten verfolgen, die oft Waffen mit Selbstverteidigung verbinden, wissen es: In Amerika ist das Bewusstsein, in Gefahrensituationen eingreifen zu müssen und zu können, viel weiter verbreitet als in Deutschland. Die Webseiten beschäftigen sich aber nicht nur mit Schusswaffen, sondern auch mit Messern, waffenloser Selbstverteidigung, dem grundlegenden Bewusstsein für Gefahrensituationen, das auch Notfallpläne (Überfälle, Einbrüche, Naturkatastrophen, Katastrophenfälle allgemein), Vorbereitung/Ausrüstung und das Besprechen, Schulen und Trainieren mit der Familie inklusive eines Plan B’s mit einschließt. Die Amerikaner, die ich kenne, sind alle mehr oder weniger auf solche Situationen vorbereitet – sind aber auch alles Waffenbesitzer. Und in Deutschland? Da kenne ich Leute, die nicht mal genug Essen hätten, wenn man wegen unvorhergesehener Umstände 2 Tage nicht vor die Tür könnte…Klar, die gibt es in den USA auch und auch hier gibt es Leute, die sich mit dem „was wäre wenn?“ unangenehmer Situationen beschäftigen. Aber das Verhältnis liegt wahrscheinlich deutlich zugunsten der Amerikaner. Amerikaner mögen vielleicht prozentual seltener wissen, wie die Hauptstadt Portugals heißt – aber in dieser Hinsicht sind sie uns überlegen. Im Folgenden habe ich einen Blogbeitrag der Tactical-Seite Breach-Bang-Clear übersetzt, der diese Haltung sehr gut verdeutlicht und klar macht, was so vielen hier in Deutschland fehlt. Wenn sich solche Attentate in Zukunft häufen sollten, kann man nur hoffen, dass es zunehmend mehr Menschen gibt, die sich mit dem Thema „Situational Awareness“ beschäftigen und aufhören, nur auf ihr Smartphone zu starren.

 

Es gibt gerade einen guten Schlussverkauf, also machst du dich mit deiner Lebensgefährtin/deinem Lebensgefährten auf ins Einkaufscenter. Als du aus einem Laden trittst, hörst du gedämpfte „Plops“ und ein paar Sekunden später Schreie. Plötzlich rast eine menschliche Flut auf dich zu, ein Gedränge von Menschen, die wie irre vorwärts stürmen, um den nächsten Ausgang oder augenscheinlich sicheren Ort zu erreichen. Dann hörst du eine ohrenbetäubende Explosion, Glas zersplittert, dann fegt eine Schockwelle über dich hinweg. Sie boxt dir die Luft aus der Brust. In deinem Kopf schreit es: „Raus hier!“, aber dein Körper reagiert nicht. Wegen der Reizüberflutung will er sich einfach nicht bewegen. Endlich, nach einer Zeit, das wie eine Ewigkeit erscheint, aber tatsächlich nur ein paar Sekunden dauert, schnappst Du dein/e Lebensgefährten/-in und rennst in Deckung. Die „Plops“ werden lauter. Sicherheitspersonal rennt an dir vorbei, rät dir und anderen raus zu gehen. Du triffst auf eine junge Frau auf dem Boden, die ihren linken Oberschenkel umklammert, wobei hellrotes Blut zwischen ihren Fingern hervorquillt. Du ziehst sie hinter einen steinernen Pflanzenkübel, greifst in deine Tasche und bringst ein CAT (Tourniquet) an ihrem Bein an, um die Blutung zu stoppen.  Dein/e Lebensgefährten/-in spricht mit dir und erzählt dir, was er/sie sieht, während du arbeitest. Nachdem du die junge Frau hochgenommen hast, arbeitest du dich zum Haupteingang vor. Dort siehst du Gestalten mit Handfeuerwaffen. Du, dein „Patient“ und dein/e Lebensgefährte/in, ihr zieht euch in einen Laden zurück und begebt euch zur Rückseite. Dein/e Lebensgefährte/in ruft die „110“, während du der jungen Frau versicherst, dass alles gut wird. Was tust du? Was ist passiert? Wie konnte das hier passieren? Warum passierte das hier?

Uns wird beigebracht zu essen, schreiben, lesen, anzukleiden, fahren und eine Menge anderer täglicher Verrichtungen auszuführen. Uns werden einfache Handlungen zum Selbstschutz beigebracht, wie beispielsweise nach rechts und links schauen, bevor wir eine Straße überqueren und vor Stoppschildern zum Stillstand zu kommen, aber ich glaube, wir versagen total, was das Beibringen der Kunst der situativen Aufmerksamkeit (situational awareness) angeht. Wir versagen bei der Unterweisung und der täglichen Ausübung, wie man ein „hartes Ziel“ ist. Was ist der Unterschied zwischen einem „weichen Ziel“ und einem „harten Ziel“? Wenn du das nächste mal unterwegs bist, schau dich um: schau dir die unglaubliche Menge an Leuten an, die herumlaufen, den Blick starr auf ihre technischen Helferlein gerichtet, nur ab und zu mal kurz aufschauend, die allem und jedem um sie herum  absolut keine Beachtung schenken. Wie schwer wäre es für jemanden, der die Absicht dazu hat, an sie heranzutreten und ihnen Leid zuzufügen? Diese Menschen sind leichte Ziele (weiche Ziele). Sieh dir das Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen, echte Sicherheitsvorkehrungen,  in Schulen, Einkaufszentren, Kirchen und Krankenhäusern an, um nur ein paar zu nennen. Wie schwer wäre es für jemanden mit schlechten Absichten, zu diesen Orten zu gehen um unschuldigen Menschen Böses anzutun? Das sind ebenso „weiche Ziele“.

Wie können wir das beheben? Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten dieser Orte auch weiterhin „weiche Ziele“ sein werden, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie es vorziehen, welche zu sein, warum auch immer.

Wir als Menschen aber können es uns aussuchen, ein „hartes Ziel“ innerhalb der „weichen Ziel“-Orte zu sein.  Ausgebildete, verantwortungsbewusste Bürger, welche situative Aufmerksamkeit und EDR („Every-day-ready“: „allzeit bereit“) aufrecht erhalten, den „Blue Collar OODA-Loop“ üben – wir können „harte Ziele“ sein.

Wie?

Hier sind ein paar Punkte:

-Gönne dir deine Sicherheits- oder Pufferzone

-Steck deine technischen Geräte weg

-Sieh dich um

-Fasse einen Plan

– Pass dich an und sei der „Geheimagent“

-Führe deine Ausrüstung unauffällig mit dir

-Kenne deine Grenzen

-Kenne die (relevanten) Gesetze und deine Rechte

– Sei und bleib körperlich und geistig fit

-Trainiere. Und dann trainiere immer weiter

 

Übe die Körpersprache anderer Menschen zu beurteilen. Halte Ausschau nach optischen Hinweisen wie Nervosität, Schwitzen, obwohl es nicht heiß ist, das Tragen saisonal unpassender Kleidung und irrationales und schräges Verhalten (wobei die letzten Regeln nicht unbedingt bei Teenagern funktionieren ;-))

Wenn irgendwas nicht stimmt, dann höre auf dein Bauchgefühl und bringe Distanz zwischen dich und was immer es ist. Distanz verschafft dir Zeit, in der du vielleicht eine gute Deckung oder sogar einen Ausgang erreichen kannst.

Vertiefe dich nicht derart in den tollen Ausverkauf oder den lustigen Social Media-Post, so dass du nicht mehr mitbekommst, was um dich herum vorgeht. Diese Dinge werden dein Leben nicht verändern, egal wie viel Rabatt gegeben wird oder wie viel Geld du sparen kannst.

Wisse, wo die nächsten Ausgänge sind und plane ein schnelles Entweichen. Flucht könnte unmöglich sein, also sieh dich auch nach einer Stelle um, wo du dich verstecken kannst, wenn die Scheiße am dampfen ist. Nutze deine Fähigkeit, die Umgebung abzusuchen und verschaffe dir mehr Zeit.

Führe deine Waffe zum verdeckten Führen und zusätzliche Munition. Nimm ein Erste-Hilfe-Kit mit. Nimm eine Taschenlampe mit. Ersatzbatterien. Führe ein gutes Messer. Nimm ein Ladegerät fürs Handy mit. Das hört sich nach viel Ausrüstung an, kann aber ganz einfach bewerkstelligt werden. Du brauchst nicht dieselbe Ladung wie ein Infanterist am Hindukush, um vernüftig und rational vorbereitet zu sein – was etwas völlig anderes ist als paranoid zu sein.

Pass dich an, fall nicht auf. Sei so zurückhaltend wie möglich, ohne verletzlich zu wirken. Wenn du das machst, kannst du mehr beobachten und weniger beobachtet werden. Es ist ratsam, die (oben genannte) Ausrüstung in einer unauffälligen Tasche, Aktentasche, unauffälligen Rucksack oder Sling Bag zu verstauen, weil du dann keine Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Wie deine Tasche sollte auch deine Kleidung diskret sein. Ich mag Tarnoptik genau wie alle anderen, aber es ist nicht unauffällig. Ich trage die „Bastion“-Hosen von Arc’Teryx und kann meine Ausrüstung leicht darin verstauen. Es gibt andere Kleidungsstücke, die das genauso können.

Kenne deine Grenzen, schmiede einen Plan, sei flexibel und mach dir klar, dass der beste Plan den Erstkontakt nicht überlebt (was uns zur Flexibilität zurück bringt). Sei fähig, in Windeseile und außerhalb ausgetretener Pfade zu denken.

Bleib körperlich und mental fit. Wenn du körperlich fit bleibst, erhöht das deine Chancen Situationen zu überleben, die Menschen mit gesundheitlichen Defiziten nicht überleben würden. Es hilft, wenn du unter Stress geistigen Scharfsinn bewahren kannst.  Mentale Fitness resultiert daraus, dass du selbst am Ball bleibst, was auch immer kommen mag. Erst der Einsatz, dann das Wohlergehen. Das sind deine Prioritäten.

Trainiere deine Fähigkeiten in Beobachtung. Trainiere waffenlose Selbstverteidigung. Übe Erste-Hilfe-Fertigkeiten. Finde heraus, wie dein Körper in Stresssituationen reagiert und trainiere dich und deine Familie, angemessen zu reagieren. Hoffentlich wird das sie davor bewahren zu erstarren, wenn du sie am meisten brauchst. Trainiere sie darin, deine Rückseite zu decken, mit Waffen oder Sicht. Stelle ihnen Übungsszenarien als Aufgabe, um zu sehen, wie sie reagieren. Beobachte sie dabei und besprich es hinterher.

Übe zu schießen, dann bewege dich – präzise. Bleib nicht an einem Punkt verharren. Bewegung und Geschwindigkeit sind der Schlüssel zum Leben in entsetzlichen Situationen.

Wisse, wann du deine Waffe einsetzt und – gleich wichtig – wann du sie NICHT einsetzt. Kenne die Rechtslage bezüglich Notwehr/Nothilfe. Sei dir bewusst, dass die Polizei, die auf solch eine Situation reagiert, jeden mit einer Waffe als Gefahr behandelt. Denk daran, dass wir in Stresssituationen auf unser niedrigstes Trainingsniveau zurückfallen. Also trainiere hart, trainiere oft und realistisch. Trainiere, als ob dein Leben davon abhinge, denn eines Tages könnte es das.  Letztendlich sind wir das den geliebten Menschen um uns herum und uns selbst schuldig, ein Vorteil und keine Behinderung zu sein.

So sehr es auch unser System versucht, verstehe, dass wir Moral, gesunden Menschenverstand und Gesetzestreue nicht per Gesetz verordnen können. Auf das Schlimmste vorbereitet zu sein bedeutet nicht, dass man paranoid ist, sondern dass man realistisch ist.  Es ist unsere Aufgabe als verantwortungsvolle Bürger, diejenigen abzuwehren, die uns und unseren Liebsten Schaden zufügen würden. Es ist nicht unsere Aufgabe kleinlaut aufzugeben. Unsere Aufgabe ist es, dass diese Penner darum kämpfen müssen. Unser Job ist es, ein „hartes Ziel“ zu sein.

Das Leben ist kein Computerspiel, es gibt kein Reset-Knopf.

Bleib am Ball, mit Herz und Verstand.

Einfachheit unter Stress.

 

Kerry „Pocket Doc“ Davis

(ehemaliger Rettungssanitäter/Hubschrauber-Sanitäter der USAF, dann ziviler Rettungsdienst. Inhaber der Firma Dark Angel Medical, der auch an der Sig Sauer Academy unterrichtet)

 

4 thoughts on “Bist du ein „weiches Ziel“? – die Amerikaner und das Vorbereitet-sein

  1. Never go out in condition white

    So würde ein Ausbilder den Artikel überschreiben. Nur würde dies wahrscheinlich nur ein geringer Bruchteil der Leser verstehen – was sehr schade ist. Und 95% derer, die es verstehen, wären wiederum keine Frauen :-) Solch einen Artikel aus der Feder einer Frau zu lesen – die auch noch in Deutschland lebt – ist äußerst ungewöhnlich, aber sehr erfreulich. :-)

    Ich hoffe, dass sich in den nächsten Jahren immer mehr Bürger gleich welchen Geschlechtes mit dem Thema Selbstschutz befassen und härtere Ziele werden.

    Dies klingt wie der berühmte „fromme Wunsch“, der an der Realität vorbeigeht – aber vor einigen Jahren klangen auch viele andere feministische Wünsche völlig unmöglich, die heute gelebte Wirklichkeit sind.

  2. Pingback: Wochenrückblick vom 31.08.205 | German Rifle Association

  3. Sehr gut geschrieben.
    Genau das Verhalten, wegen dem ich schon öfters als Paranoid bezeichnet wurde.
    Zeigt aber auch deutlich auf, wie unvorbereitet es gerade hier die Menschen treffen würde und welchen Schaden nur wenige Angreifer anrichten könnten.
    Ich hab auch so eine Angewohnheit/Empfehlung: sitze nicht mit dem Rücken zur Eingangstür.

Kommentar verfassen