Adam Winkler: Gun Fight: The Battle over the Right to Bear Arms in America

26 Jun

Wenn mir jemand sagen würde, er möchte nur ein einziges Buch über den Kampf um Waffenrechte in Amerika lesen, dann würde ich ihm Adam Winklers „Gun Fight“ empfehlen. Ich kenne kein Buch, das einen besseren Überblick bieten würde. Ein großer Pluspunkt des Buches: Man kann es sowohl jemandem, der der für einschränkende Waffengesetze ist, empfehlen, als auch jemandem, der gegen sie ist. Rezensionen bei Amazon beschrieben das Buch als das Ausbalancierteste zu diesem Thema, das sie je gelesen haben. Ich war skeptisch, aber ja, es ist so. Das nötigt Respekt ab, Fakten, wie sie sind, anzunehmen und zu repräsentieren. Zwei Gegenbeispiele dazu werden im Buch auch besprochen, Bellesiles „Arming America“, das Pro Gun-Control ist, sich einen wissenschaftlichen Anstrich gibt, aber eine dreiste Fälschung im Dienste der Gun-Grabbers ist. Lotts „More guns, Less Crime“ ist genauso eine Fälschung, nur für die andere Seite. Wissenschaftliche Erkenntnisse können nicht daraus entstehen, dass man eine Meinung oder These hat und nun versucht, nur Fakten zu berücksichtigen, die diese These stützen oder sich gar „Fakten“ für seine These zu konstruieren.

Für die Mehrheit der Leser mag es aber erfreulich sein, dass „Gun Fight“ keine wissenschaftliche Abhandlung ist, sondern ein kurzweiliges, informatives Sachbuch mit einer spannenden Erzählstruktur.

Den Haupterzählstrang bildet der Prozess gegen die restriktiven Waffengesetze in Washington D.C. (District of Columbia vs. Heller),v.a. das Verbot von Handfeuerwaffen, die als gegen die Verfassung , respektive das Second Amendment (den 2. Verfassungszusatz) verstoßend angesehen wurden und der bis vor das Oberste Gericht ging und dort zugunsten des Klägers entschieden wurde. Als Fußnote lässt sich hier anmerken, dass Washington D.C. somit etwas an der Gesetzgebung ändern musste – hier setzt im Prinzip das Buch von Emily Miller „Emily Gets Her Gun“ an, in dem sie ihren – immer noch steinigen, schwierigen – Weg zur eigenen Pistole beschreibt.

Begonnen hatte das Ganze als Idee zweier libertärer Juristen in einer Bar bei ein paar Drinks und es endete, wie schon erwähnt, mit der Entscheidung des obersten Gerichts, dass der 2. Verfassungszusatz den Bürgern das Recht auf Waffenbesitz zur Selbstverteidigung garantiert. Es werden die Hintergründe und Ansichten der Akteure – Alan Gura, ein junger, unerfahrener Anwalt, der den Prozess für sich entscheiden konnte, Dellinger, der Staatsanwalt, die neun Richter des obersten Gerichts und einige andere – beleuchtet. Es wird erzählt, wie es nach dem Abend in der Bar überhaupt zu dem Gerichtsverfahren kam und warum es vielleicht nicht zu diesem gekommen wäre – wobei die NRA, man mag es zunächst für paradox halten, eine wichtige Rolle spielte, ebenso wie Steve Halbrook (ja, der Autor von „Gun Control in the Third Reich“), der zunächst der Wunschkandidat als Anwalt für jenen Fall war, aber leider zu viel Geld verlangt hatte und später als Anwalt für die NRA arbeitete, um die Annahme des Falles vor Gericht zu verhindern.

Eingewoben in diese Erzählung des Gerichtsfalles und seiner Umstände sind geschichtliche Hintergründe, die zum Verständnis des Verhältnisses Amerikas und der Amerikaner zu Waffen unverzichtbar sind.

Die Dreiteilung des Buches bietet mit den Kapiteln „Big Guns and Little Guns at the Supreme Court“, „Gun Grabbers“ und „Gun Nuts“ erst mal die Einleitung, in der der Gerichtsfall an sich, aber auch die Pro- und Kontra –Waffen-Positionen anhand von Personen, Organisationen wie die NRA und die Brady-Campaign, anschaulich gemacht werden.

Der Hauptteil führt den Gerichtsfall weiter und bietet ferner viel geschichtliches Backgroundwissen zu Waffenbesitz und Waffenkontrolle in den USA. Das erste Kapitel „Guns of Our Fathers“ beschreibt die Vorgänge vom Ende des 17. Jh. an, die überhaupt erst zum 2. Verfassungszusatz geführt haben: Eigentlich begann es nämlich mit England und dem englischen Bill of Rights, der den Waffenbesitz zur Selbstverteidigung garantierte. Es geht weiter mit der Bürgerkriegszeit bzw. danach, als die „Black Codes“, Gesetze, die die weiße Vormachtstellung im Süden weiterhin garantieren und selbstverständlich die Schwarzen vom Waffenbesitz ausschließen sollten, geschaffen wurden. Adam Winkler schreibt in seinem Vorwort, er sei bei seinen Recherchen zu dem Buch ganz erstaunt gewesen, wie viel Waffengesetze immer auch mit Rasse und Rassismus zu tun hatten und haben. Auch als die Waffengesetze in den 60er/70er Jahren verschärft wurden, war das auf das Wirken der Bewegung der Black Panthers zurückzuführen, die von dem damals geltenden Recht des offenen Führens von Lang- und Kurzwaffen gebrauch machten, um sich gegen rassistische Polizei-Willkür zu wehren („By All Means Necessary“).

Auch dem viel- beschworenen „Wilden Westen“, von dem immer die Rede ist, wenn auf allzu freizügige Waffengesetze hingewiesen werden soll, ist ein gleichnamiges Kapitel gewidmet („Wild West“), das darstellt, dass der Wilde Westen gar nicht so wild war, wie immer behauptet wird, denn die „frontier-towns“ hatten meist strikte Regeln, dass Waffen entweder außerhalb der Stadt bleiben oder beim Sheriff abgegeben werden mussten.

Bei einer Abhandlung über die Waffenrechte in den USA dürfen die Gangster der 20er/30er-Jahre nicht fehlen, die im Zeitalter von wirtschaftlicher Depression und der Prohibition eine wichtige Rolle spielten und deren ungesetzlicher und oft letaler Waffengebrauch zu Restriktionen führte (Beispiel: hohe Steuern auf vollautomatische Waffen).

Der kurze dritte Teil enthält nur das Kapitel „Decision“ und den Epilog. Es wird die Entscheidungsfindung des Obersten Gerichts wie auch die Urteilsverkündung nachgezeichnet.

Ich muss sagen, dass ich in diesem Buch nicht nur über das Second Amendment und Waffenrechte in den USA viel gelernt habe, sondern auch über das Oberste Gericht.

Da Gura bei der Befragung durch das Oberste Gericht einräumte, dass der 2. Verfassungszusatz nicht bedeute, dass der Staat überhaupt keine Gesetze zur Waffenregulierung erlassen dürfe, entschieden die Richter zu seinen Gunsten. Der Sieg war laut Winkler ein Mittelweg – eigentlich ein Sieg für beide Seiten, denn weder lässt das Urteil nun und künftig völlige Waffenverbote zu (womit das Oberste Gericht den 2. Verfassungszusatz so verstehen, dass es ein individuelles Recht auf Waffen beinhaltet, nicht nur ein Recht für Bürgermilizen; Ein Standpunkt, den die Gun-Grabber verneinen), noch verhindert es, dass überhaupt irgendein Waffengesetz erlassen werden darf.

Winkler zeigt am Beispiel des Gerichtsurteils über die Unrechtmäßigkeit des Ausschlusses schwarzer Schüler aus weißen Schulen Ende der 50er Jahre, das auf so breite Widerstände in der Bevölkerung stieß, dass die Integration schwarzer Schüler zu jener Zeit unmöglich war, dass das Gericht besser dem gesellschaftlichen Zeitgeist etwas hinterherhinken sollte, als ihm als Avantgarde vorauszupreschen. Das tat das Gericht mit diesem Urteil, denn laut Umfragen glauben 83% der Amerikaner, dass es dieses individuelle Recht auf Waffenbesitz gibt, wohingegen nur 17% der Ansicht sind, dass nur der Staat ein Recht auf Waffen hat.

 

Ganz am Ende des Buches, in den Danksagungen, sagt Winkler etwas zu seiner persönlichen Ansicht und Einstellung:  Er dankt seiner Frau und seiner Tochter für deren Unterstützung und die letzen 2 Sätze des Buches lauten dann so: „Sie (Frau und Tochter) verkörpern den Grund, warum ein gesetzestreuer Bürger eine eigene Waffe besitzen wollen könnte. Es gibt nichts, was mir teurer ist als sie.“

 

LESEN!

 

Muss ich extra erwähnen, dass das Buch leider nur in englischer Sprache zu haben ist…?

 

Adam Winkler: Gun Fight. The Battle over the Right to Bear Arms in America. New York, 2011.

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