„Ach so…ja…das…das war nur ein ganz kleiner Revolver.“ – Zwei historische Fundstücke zum Thema Frauen und Waffen

1 Mrz

Zufällig und unerwartet stieß ich vor ein paar Tagen auf jene Textpassage:

 

„Zu diesem Zweck mussten unsere Pässe von einer militärischen Behörde einen Sichtvermerk erhalten. Diese Behörde befand sich in den Räumen des Potsdamer Bahnhofs. Als wir dort anlangten, fiel mir plötzlich ein, dass Zivilisten keine Waffen tragen durften. Ich hatte aber meinen Revolver, den ich nur ungern hergeben wollte, in meiner Tasche. Was war da zu tun? Meine Schwester und ich beratschlagten unter den Fenstern des Bahnhofs. Sicherlich würde man alle Fragen an mich richten, und Johanne sollte so tun, als verstehe sie kein Deutsch. Nach allen Seiten spähend, schmuggelten wir den Revolver in ihre Tasche. Dann schritten wir zuversichtlich die Treppen hinauf und ließen uns in einen großen Saal weisen, dessen Fenster zum Platz hin blickten. An langen Tischen saßen uniformierte Männer hinter Stapeln von Formularen. Denen erklärten wir unsere Reisewünsche und gaben ihnen unsere Pässe. Und wie immer begegnete man uns mit Freundlichkeit und Entgegenkommen, und wir erhielten ohne weiteres unsere Visa. Als wir uns froh und dankbar entfernen wollten, sagte eine Stimme: „Einen Augenblick! Die Damen haben wohl nicht zufällig Waffen bei sich?“

„Nein“, antwortete ich.

„Und die andere Dame?“

Meine Schwester drängte sich verwirrt an mich und schüttelte vage den Kopf.

„Was steckten Sie sich denn vorhin hier draußen vor dem Fenster so heimlich zu?“ Der Offizier machte sich offenbar über uns lustig.

„Ach so…ja…das…das war nur ein ganz kleiner Revolver.“

„Ja sehen sie, den ganz kleinen Revolver müssen Sie hier abliefern. Wussten Sie das nicht?“

Darauf gab ich lieber keine Antwort. Beschämt fischte ich den Revolver aus der Tasche meiner Schwester und legte ihn dem Offizier auf den Tisch.

„Seinen Sie froh, dass Sie uns bekannt sind, gnädige Frau. Und“, fügte er lächelnd hinzu, während wir kleinlaut aus dem Lokal schlichen, „recht gute Reise!“

Draußen marschierten ununterbrochen Soldaten an die Front. Oft musste man über eine halbe Stunde warten, ehe man die Straße überqueren konnte. Wir versorgten uns mit Reiseproviant und beschlossen aufzubrechen, sobald es dunkel würde. Wir hatten ja keine Erlaubnis für das viele Benzin; es kam also darauf an, so unbemerkt wie möglich aus der Stadt zu verschwinden.

Als wir spät am Nachmittag zu Hause waren, lag auf meinem Tisch ein Päckchen neben einem Strauß Rosen.

Es war mein Revolver“

 

(Asta Nielsen, Die Schweigende Muse – Lebenserinnerungen. Kopenhagen, 1945/46. Ausgabe Heyne Taschenbuch, 1979. S. 237/238)

 

 

Dieser Textauszug stammt aus den Lebenserinnerungen des großen Stummfilmstars Asta Nielsen (1881-1972), eine Dänin, die ab Beginn der Stummfilmära eine weltbekannte Schauspielerin war und längere Zeit auch in Berlin wirkte, bis die Machtübernahme der Nationalsozialisten sie nach Dänemark zurückkehren ließ.

Dieser Abschnitt nun trug sich kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu, als Asta Nielsen als Ausländerin das in den Krieg eingetretene Deutschland verlassen wollte.

Offensichtlich hat der Filmstar, der, in der damaligen Zeit noch unüblich, keine Bodygards engagiert hatte, es für nötig befunden, einen kleinen Revolver zum Selbstschutz zu besitzen. Wir schreiben das Jahr 1914, damals gab es noch kein Waffenregister oder Beschränkungen hinsichtlich des Waffenbesitzes. Durch das eingetretene Kriegsrecht war Zivilisten das Führen von Waffen nicht gestattet. Obwohl sie es trotzdem tat, wurde sie dafür nicht bestraft und bekam den konfiszierten Revolver obendrein wieder zurück geschickt. Ich fürchte, mit so einer Behandlung könnte ich heutzutage nicht rechnen, wenn ich einen Revolver mit mir führen würde. Aber ich bin auch kein Filmstar.

 

Wo ich gerade schon bei Damen mit Revolvern bin, auch Steven T. Halbrook wartet da mit einem Beispiel auf, nämlich der Journalistin (und Jüdin) Bella Fromm. Diese war 1933, nicht lange nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, zu einem Empfang des Vizekanzlers von Papen geladen worden. Dort begegnet sie Adolf Hitler, er küsst ihre Hand und unterhält sich mit ihr. Später vertraut sie ihrem Tagebuch an: „Sonderbare Ideen schossen mir durch den Kopf. Warum hatte ich denn meinen kleinen Revolver nicht dabei?“

 

(Steven T. Halbrook: Gun Control in the Third Reich, S. 64.)

 

Ja, warum denn nicht….

 

Wer derartige Textstellen in Biographien, Autobiographien oder ähnlichen Texten findet, darf mir gerne einen Quellenhinweis zukommen lassen. Ich sammle sie.

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